Wo sind all die Frauen hin

Ich sitze in Friedrichshain in der spätsommerlichen, warmen, Sonne auf einer Parkbank und lese. Zwischen durch schaue ich immer wieder auf und beobachte die Menschen um mich herum. Ich bin ein heimlicher Voyeur.

Ich beobachte die Mädchen um mich herum, wie sie in ihren kurzen Sommerkleidern durch den kleinen Park stolzieren. Wie sie ihre winzigen Füße in zierlichen und filigranen Sandalen auf den staubigen Weg setzen. Maximal Schuhgröße 38 schwadroniert hier, nicht größer, Kleidergröße 36 ist hier das Mittelmaß. Sie sind so schlank und rank, die Körper mädchenhaft.

Ich denke an einen youtube Clip, den ich letztens gesehen habe. Es war ein Ausschnitt aus der Show The Voice of Germany von 2011. Meine Freundin Alicia Emmi Berg bei der Blind Audition. Als die Jury sich umdreht sagt einer der Juroren:“Wow, ich dachte, da steht ein kleines zierliches Mädchen und dann ist das eine gestandene Frau.“

Das waren quasi auch meine Gedanken, als ich Alicia vor gut einem Jahr kennengelernt habe. Ich war so froh einer großen, femininen und wunderschönen Frau gegenüber zu stehen. Wenn man wie ich eine große Frau ist, die nicht (mehr) in die Kategorie große Dünne fällt, dann fühlt man sich oft etwas unbehaglich, weil man meist nur von kleinen zierlichen Mädchen umgeben ist.

Dass es fast nur noch zierliche Mädchen gibt, fällt mir gerade hier auf dieser Parkbank auf. Ich schaue ihnen nach und wünsche mir ein meinem nächsten Leben auch sei eine kleine zierliche zu sein. Ich denke an meinen ersten Burlesque Kurs, als es darum ging sich des BHs zu entledigen, flogen fünf A-Körbchen an mir vorbei und ich warf mein D-Körbchen (rumps) hinterher. Wie ernüchternd war das. Da können zehn Leute kommen und zu einem sagen: super weiblich, super kurvig, super groß – wenn man dann doch einem antiquierten Typus entspricht.

In meinem Umkreis und im Bezug auf meinem Körper werden gern Attribute wie Wuchtbrumme, Walküre, drall und da ist was dran benutzt. Das nervt.

Auch nervt: „Wow, endlich mal eine Frau!“ zu hören. Auch wenn es scheint, als ob es viele toll finden. Zum Anschauen reicht es, aber für mehr nicht. Ich habe oft das Gefühl, dass Männer lieber auf diesen Mädchen Typ stehen. Die kleinen zierlichen Audrey Hepburns. Die zuckersüßen Fliegengewichte, die beschwingt durch das Leben gehen und dann vor mir stehen und zu mir sagen: ich wäre gern so groß wie du, ich hätte gern einen so großen Busen wie du.

Denn auch hier scheint es wie es ist, niemand ist zufrieden wie er ist. Da bringt es auch wenig, wenn H&M jetzt eine neu „aussergewöhnliche“Werbung launcht in der eine Quoten Dicke vorkommt, alle anderen aber der gesellschaftlichen Erwartung „Hauptsache dünn“ entsprechen. Da ist es egal ob sie sich die Achseln rasieren oder nicht.

Es ist aber denke ich auch dem allgemeinen „Jugendwahn“ zu zuschreiben, dass der Mädchen Typus so in Mode gekommen ist. Kleine Brüste, schmale Hüften haben etwas unerwachsenes, haben einen Hauch von Forever-Young.

Schaut man sich Bilder von vor 100 Jahren an, sieht am üppige Frauen mit riesigen Hintern und surrealen schmalen Taillen. Männer hingegen liessen sich einen Bart wachsen, und im Gegesatz zu heutigen Bartträgern zwängten sie ihre starksigen Beine nicht in hautenge Röhrenjeans, sondern futterten sich lieber einen kleinen Bauch, einen Embonpoint an.

Man versuchte so gut es ging älter aus zu sehen. Heute ist es umgekehrt und ich frage mich, ob es bald eine Renaissance gibt. Oder ob alles so bleibt wie es ist.