Das Ende der Unbekümmertheit

Neulich huschte ich über den Strausberger Platz – der bekanntermaßen quasi auf der Grenze zu Mitte und Friedrichshain liegt, also in Berlin, also ziemlich zentral, also so hauptstädtisch – zur U-Bahn und führte dabei meinen neuen Coco Chanel Hut aus. Der eigentlich kein Original von Coco Chanel ist, aber halt nur so aussieht und das verdammt gut. So schwarz-weiss und wie eine Cloche geformt – die typische Form der Hüte der 20er Jahre. Wer mich kennt, der weiß von meinem Faible für diese Zeit des letzten Jahrhunderts.

So lief ich also zur U-Bahn und meine Blicke kreuzten sich mit den Blicken eines Mannes, der gerade dabei war eines der Häuser in der ehemaligen Paradestraße der DDR zu betreten. Er blieb mitten in der Bewegung stehen und starrte. Ja, da war er wieder- dieser Blick, den nur Deutsche drauf haben. Dieses Anstarren. Statt ins Haus zu gehen, bleibt man demonstrativ stehen und beglotzt mich – unverfroren. Ich war kurz am überlegen, ob ich nicht ein neuköllnerisches was guckst du – bin isch kino? entgegen brülle. Aber das passt nicht zum Hut.

Da verläßt man unter anderem aus diesem Grund die Einöde Hannover, damit man nicht ständig angestarrt wird, wenn man sich etwas anders kleidet und dann wird Berlin so hip, dass jetzt alle hier sind.Das sieht man ja besonders am Prenzlauer Berg, dessen Bewohner in den letzten Jahren komplett ausgetauscht wurde und nun von Jack-Wolfskin-Outdoor-Jacken-Träger aus Sindelfingen, Erlangen und Tübingen bevölkert wird. Ins weltoffene Berlin ziehen, aber den Knaack-Club weg klagen.

Es hat sich zwar in den angesagten Stadtteilen der Stadt eine Art Individualismus bezüglich des Kleidungsstils etabliert, der aber so uniform ist, dass alle doch wieder gleich aussehen. Entweder sind die Kleider vom überteuerten Second Hand Markt oder von der Marke American Vintage. Es sieht alles wie aus dem Arsch gezogen aus, ist aber sau teuer. Man will Understatement vermitteln, aber auch zeigen, dass man Geld, aber eben kein Geschmack hat. Dazu muss man dünn sein. Männer lassen sich einen Vollbart wachsen, damit sie nicht für schwul gehalten werden, weil ihre magersüchtige Freundin genauso wie sie aussehen. Es geht sogar soweit, dass man in Läden wie Pull & Bear nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich jetzt um HAKA oder DOB handelt. Ich vermute eher dass es sich oft um unisex in Kindergrößen handelt.

Trägt man dagegen nun in Berlin seine Brüste und Hintern stilvoll und weiblich mit sich rum, dazu noch einen Hut auf und sieht nicht aus wie ein schlechtgelaunter, magerer Hipster wird man angestart wie ein Affe im Zoo.

Früher hingegen konnte man ein Rosa-Tütü und Krönchen tragen und wurde in Berlin keines Blickes gewürdigt. Wenn man jetzt hingegen an Cafes vorbei stöckelt mit Hut, Lippenstift und Busen, hört man leise Stimmen im Wind rauschen: Ei, desch mag I so an Berlin, diese Verrückten!

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5 Gedanken zu “Das Ende der Unbekümmertheit

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