Menschen im Café

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Arbeitet man in der Hotellerie und Gastronomie lernt man die Niederungen der Menschheit kennen. In der Prostitution soll das ja auch so sein und viele Gäste gehen auch bei einem All-Inclusiv-Angebot davon aus, dass auch ein „Happy End“ darin enthalten ist.

Glücklicherweise tritt man bei der Arbeit in einem Café nicht ganz in die Intimsphäre anderer Menschen ein. Die Gäste übernachten dort in der Regel nicht und niemand steht nur in Speedo Badehose vor einem und fragt nach dem Weg zum Pool oder öffnet einem nackt die Tür, wenn man die Bestellung nach oben bringt. Die mit Exkrementen beschmierter Bettwäsche und andere Sachen lasse ich hier einfach mal weg.

Menschen in Café sind da anders. Aber nicht weniger kurios. Es ist nicht verwunderlich, dass das Personal etwas unglücklich schaut, wenn man in das Lokal marschiert und beginnt erstmal das halbe Mobliar umzustellen. Aus einem Tisch für zwei einen für vier zu machen – auch wenn man dafür einen Tisch aus einem vierer Platz ziehen muss – um sich dann am besten allein dort hin zu setzen. Aber auch zu viert ist das keine Entschuldigung, wenn man die anderen vierer Plätze einfach ignoriert.

Dann wird fleissig bestellt. Die mitgebrachten Großeltern aus Restdeutschland versuchen ein Kännchen Kaffee zu bestellen, was aber in Anbetracht der dastehenden Espressomaschine im hippen Berlin genauso unmöglich ist, wie einen Flughafen zu bauen. Aus Verzweiflung wird dann ein Filterkaffee oder wahlweise Bohnenkaffee bestellt und als Barista versucht man zu erklären, was ein Americano ist. Bis einem einfällt, dass der ein Österreich ein Kleiner Schwarzer genannt wird und wenn man Glück hat, dann war der Besteller vor kurzem erst im Urlaub am Wörthersee oder hält viel von der Wiener Kaffeehauskultur. Und wenn man Pech hat, dann wird: halt einfach einen schwarzen Kaffee, verdammt! bestellt.

Zugegeben, das mit dem Bestellen ist in Berlin nicht wirklich einfach geworden, denn es ergiesst sich über den Besteller ein ganzer Fragenkatalog: groß, klein, mit Milch, ohne Milch, zum Hier oder to go,  Fettarm, Vollmilch, Lactosefreie Milch, Soja Milch, Vanille Soja, Dinkelmilch, Hafermilch, Mandelmilch, etc pp.

Auch eingebürgerte Zugezogene sind oft bei der Erklärung vom Unterschied zwischen einem Cafe Latte und Latte Macchiato und einem Cappuccino und einem Flat White überfordert – davon mal abgesehen. Dass es einfach ist hat ja auch keiner gesagt.

Aber zurück zu den Gästen. Man erkennt an Hand der Bestellung den Sozialen Hintergrund des Gastes. Sind es Schwaben, reicht ein kleiner Cappuccino und das Stück Kuchen wird sich geteilt, danach steigt man wieder in den Porsche Cayenne. Wird Soja-Milch bestellt sind es meist Veganer oder Hipster. Lactosefreie Milch wird meist von Menschen mit Lactoseintoleranz bestellt, die keine – in ihren Augen – ungesunde Soja-Milch – wegen des Regenwaldes und der Gene – wollen, dafür aber Milch aus dem Chemielabor bevorzugen. Für die kleinen Gäste gibt es Babyccino im To-go-Becher mit Schokoherz und danach geht es auf den Spielplatz. Das finde ich immer ganz süß.

Nicht süß finde ich, wenn Ü-40-Eliteeltern ihre Kinder AUF dem Tisch IM Cafe wickeln. Ist ja ganz natürlich alles, finden sie und wenn man was sagt, dann ist man intolerant und es wird mit Klage gedroht. Eben diese Eltern finden es auch total okay, wenn ihr Kind den Tisch und die Stühle mit einem Brei aus Keks und Banane beschmiert. Denn sie – die Eltern – hinterlassen die Tische meist genauso. Alles klebt und ist gut verteilt. Das Feuchttuch mit Babyrotz ist dafür schön tief ins Wasserglas oder die Tasse gequetscht. Das freut jeden, der diese dann vor dem Abwasch aus dem Glas prokeln darf.

Grundsätzlich ist dieses Alles-ins-Glas-steck-Verhalten kein Elternding, sondern es geht durch alles Alterklassen. Als ich letztens alle möglichen Servietten von Tellern sammelte, stand plötzlich ein Stammgast – graumeliert und Ende 60 –  vor mir und hielt mir  – mit den Worten: sie sind ja grad dabei – sein leeres Glas Orangensaft hin. Am Boden tief eingetunkt seine Rotzfahne. Danke für das Geschenk!

In diesem Momenten denke ich aber immer an mit Kotbeschmierte Hotelzimmerwände und Bettwäsche. Mir haben Gäste auch schon mal vor das Hotel und auf den Frisierstuhl in der Damentoilette gekackt. Dann seufze ich und hole das nächste Rotz-Feuchttuch aus dem Kakaoglas. Alles nicht so schlimm, alles ganz natürlich!

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