Im Westen nichts Neues

Neulich war ich am Ku’damm und nutzte den Besuch im Westteil der Stadt um im Café Kranzler einzukehren. Es ging mit dem Aufzug hoch ins Rondell und ich erwartete, dass sich vor mir die Türen öffnen und mit rotem Plüschsamt bezogene Stühle und angeschlagene weiße Barocktische auf mich warten würden. Stattdessen fand ich mich zurückversetzt im Jahre 1997 wieder.

Kühler Kangtinencharme schlug mir entgegen. Das gesamte Interior schien wie aus dem Gastrokatalog (ja, sowas gibt es wirklich – da kann man gesamte Einrichtungen von Disco bis Eckkneipe bestellen – wenn man es nicht so individuell mag). Über den Marmortischen schien immer noch die Maxime pflegeleicht, kratzfest und unverwüsstlich zu schweben.

Die Kuchenauswahl fand man hinten in 2 Leasing-Kühlvirtinen. Keine orpulente Kuchenvitrine, die die wirklicher sehr kunstvollen Kuchen hätten richtig in Szene setzen können. Die Auswahl war ehr traditionell: Schwarz-Wälder-Kirsch, Sachertorte, Marzipantorte, Baiser, etc – endlich etwas, das meinen Erwartungen entsprochen hat.

 

kranzler

 

Enttäuscht wurde ich wieder beim Kaffee. Statt einer handelsüblichen Espressomaschine gab es nur einen Gastro-Vollautomaten, der auf Knopfdruck jede beliebige Kaffeesorte samt Milchschaum ausspuckt. Und wen überrascht es: es gab auch keine Soyamilch. Dafür aber noch Kännchen Kaffee.

Da gab es letztens einen sehr schönen Artikel bei Slowtravelberlin.com Third Wave Coffee: A History.  Kurz und knapp beschreibt der Artikel nicht nur die drei Phasen/Wellen, die der Kaffee durchgemacht hat – von Filterkaffee zur Latte Art- sondern auch, dass die Phase Filterkaffee ziemlich lange angehalten hat in Deutschland und es hier besonders lang gedauert hat, bis zur dritten Welle. D.h. bis Cappuccino, Latte Macciato & co die deutschen Café eroberten. Das Café Kranzler hat sich nur widerwillig der dritten Phase angenommen, hängt eigentlich immer noch bei Nummer 1 und wird daran eventuell erst wieder etwas ändern, wenn seine Stammgäste weggestorben sind (die gehören noch zur Generation Draußen nur Kännchen).

Vom Kaffee und Ambiente enttäuscht, vom Kuchen befriedigt, gefielen mir am Besten die Servietten – die mich immer noch in meiner Handtasche begleitet.

 

Ähnlich unzufrieden war ich bei meinem letzten Besuch im Café des Literaturhauses in der Fasanenstrasse. Ich hatte mich dort zum Frühstück verabredet und erwartete zum Tweedbejackten Ambiente ein ebenso qualitatives Frühstück. Leider fand sich auf meinem Teller Margarine und Marmelade aus der Metro und Edna-Aufbackbrötchen wieder. Sehr sehr schade, dass hier nicht auf mehr Qualität geachtet wird. Die Gastronomie scheint hier noch in den 90ern stecken geblieben zu sein, damals, als man noch ungeniert zur Tüte griff und Köche vom Aufreißen dauernt eine Sehnenscheidentzündung hatten.

Latte Art bei Fräulein Wild

Latte Art bei Fräulein Wild

Da ist der Osten der Hauptstadt wesentlich weiter und es reiht sich Café and Café mit wunderbarer Küche und Kaffee aneinander – viele setzen auf Bioprodukte und Clean Eating (d.h. man sieht von Convenience Produkten ab). Ganz herausstechend und geliebt ist da mein Stammcafé Fräulein Wild. Dort gibt es nicht nur Soyamilch, sondern auch vegane Kuchen und Frühstück. Gebacken wird mit Liebe – und das schmeckt man!

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3 Gedanken zu “Im Westen nichts Neues

  1. Hey,
    auch wenn deine beiden kulinarischen Ausflüge in Westberlin eher von Ernüchterung geprägt waren, freue ich mich sehr über den Tipp mit „Fräulein Wild“ und den Hinweis, dass es dort auch vegane Leckerein gibt. Da muss ich doch demnächst auf jeden Fall mal vorbeischauen!
    Alles Liebe 🙂

      • Ja, mache ich gerne 🙂
        Die Homepage hatte ich mir sogar schon mal angeschaut, wie ich gerade festgestellt habe, als ich mir die Speisekarte durchgelesen habe, aber es war in Vergessenheit geraten, weil es hier einfach ein so großes Angebot gibt und man ja auch meist nicht jedes Wochenende auswärts frühstückt. Daher ist es gut, dass ich es bei dir nun nochmal gelesen habe. 🙂

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