Stadtbilderklärer schreibt man mit einem L, einem N und zwei RR

Es war irgendwann letzten Sommer, als ich bei Dussmann an den Tischen der Sparte Literatur in, um, über Berlin vorbeigegangen bin, viel mir ein Hörbuch auf, dessen Titel in Anlehnung an DBenglisch „On se left you see se Siegessäule“ trug. Ich umkreiste noch 13 1/5 mal den Tisch und schaute mir dann das Hörbuch doch genau an. Eigentlich verabscheue ich ja alles, was mit der Deutschen Bahn zu tun haben könnte, aber mein persönlicher Boykott dieses monopolistischen Unternehmens hat noch nichts zu dessen Untergang bei getragen – Leider.

Zu meiner Überraschung hatte das Buch gar nichts mit der Deutschen Bahn zu tun, aber ganz viel mit Berlin und ganz viel mit armen, nervigen Touristen. Der Protagonist war Stadtbilderklärer auf einem Sighseeingtourschiff auf der Spree.

Die größte Zeit meines Lebens in Berlin habe ich mich auch mit armen kleinen verängstigen und total überforderten Touristen herum geschlagen. Hotellerie = Tourismus = ich kann als Berliner nicht mehr durchs Brandenburger Tor gehen ohne von Fat Tire Tours überfahren zu werden, wie einst Lorenz Adlon 1921.

An meinem Haus, dem 1956 erbauten Arbeiterpalast in der ehemaligen Stalinallee fahren nun regelmäßig Trabi-Safaris auf der Tour „Der Wilde Osten“ vorbei und winken. Läuft man über den Alexanderplatz stellen sich Stadtplanbewaffnete und Esprit tragende Menschen einem in den Weg und fragen: ‚Schuldigung, ei isch habbe da mol eene Fraje: wo isn der Alexanderplatz?

Ja, sie stehen mitten drauf, der Platz ist so lang wie die Mönkebergstrasse in Hamburg, aber ja, es ist wirklich nur ein Platz und er ist absolut häßlich, weil ständig verschlimmbessert wird. Da vorn, wo sich die Emos treffen und die Penner ihren Rotwein auskotzen ist die Weltzeituhr oder auch das Krähenkarussel, da hinten ist Galerie Kaufhof, das Kaufhaus der Osten, der riesen Turm da ist der Fernsehturm und ja, da kann man rauf gehen und wenn sie oben im Restaurant sind, dann fühlen sie sich noch manchmal wie in einer HO-Gaststätte. Da hinten stehen Marx & Engels rum, kennen Sie ja, Kommunismus und so. Tschüß, schön’n Tach noch!

Aber zurück zu Tilman Birr. Ein Nichtberliner, ein Zugezogener – also quasi für viele hier geborene echte Berliner gar nicht existent, erzählt wie es so ist in Berlin, wie Touristen sind die völlig Kopflos und überfordert von der riesen Stadt sind, die ständig komische Fragen stellen, deren Antwort man nicht wissen muss. Kurzum: Das Hörspiel ist einfach wunderbar! Viel gelacht und: ja, so isses, gedacht!

Ich kenne solche Menschen wie Klaus aus der eigenen Familie. Weil ich die einzige aus meiner Familie bin, die seit Jahrhunderten nicht in Berlin geboren wurde. Ich komme aus dem eigenschaftslosen Niedersachen, wie Herr Birr (mit DoppelR) das sagen würde, komme. Dieser Fakt wird auch manchmal gegen mich verwendet, wenn nochmal betont wird, dass ich ja Hannoveranerin bin – danke Oma! Oma ist in der Kneipe ihrer Eltern aufgewachsen, zwischen Herrengedeck, Bulette und Eisbein, sie hat mehr Berlin im Blut als alle anderen. Oma darf das.

Ich kenne Amerikaner, die einem ganz stolz ihre eigene Währung als Trinkgeld in die Hand drücken. Aber meistens nur 1$, weil war ja mal viel Geld. Ich bin dann immer kurz davor denen den Dollarkurs durchzugeben, stattdessen drehe ich mich zu meinen Kollegen um und sage: ich habe Valuta bekommen! Und alle so: Hä?

tilman birr

Ach ja, und weil Hörspiel und Buch alleine nicht reichen, war ich gestern im Comedyclub Kookaburra bei der Lesung von Tilman Birr. Und was soll ich sagen: schon lang nicht mehr so gelacht. Auch der Schwabe, die Dresdnerin und die Steglitzerin die ich mitgenommen habe. Leider durfte man nur Fotos machen und nicht Filmen. Heißt also: entweder Hörbuch kaufen, oder selbst hingehen!

Nach der Show erfolge meinerseits der Versuch einer intellektuellen Kontaktaufnahme zu dem Poetry Slammer, die gleichermaßen an mir scheiterte

– den Rest meines Lebens werde ich wahrscheinlich immer heimlich rot und sterbe leise vor mich hin, wenn ich das Hörbuch höre –

…Meine persönliche Steglitzer Meteorologin sagte dazu nur: du bist halt etwas außer Übung – fremde Menschen. Hilfe!

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4 Gedanken zu “Stadtbilderklärer schreibt man mit einem L, einem N und zwei RR

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