Boys, please, don’t cry!

Der Feminismus war’s – oder die Autisten!

Nach dem Amoklauf von Newtown gab es viele Spekulationen über die Motivation des Attentäters. Cinthia Briseno schreibt einen sehr schlechten Artikel bei Spiegel Online und gibt als Grund ein eventuelles Asperger-Syndrom an. Nach einem berechtigten Shit-Storm von vielen Autisten und Menschen mit Asperger wurde eine Anmerkung der Redaktion an den Artikel gehängt und noch eine Zusammenfassung über die Stigmatisierung von Autisten online gestellt.

Walter Hollerstein vom Tagesspiegel springt auf die plötzliche Erkenntnis vieler Psychologen an: Huch, Amokläufer sind fast alles (weiße) Männer – und meint zu wissen, warum junge Männer Amok laufen. 

Genauso hirnrissig wir Frau Brisenos These ist sein: Natürlich ist der Feminismus schuld. Weil die meisten Frauen heute ihre Kinder allein erziehen (müssen) und

„Die Jungen [mussten] im Fach Deutsch Bienengeschichten lesen, im Kunstunterricht Schmetterlinge malen und beim Sport Schleiertänze aufführen.“

Weiter geht es mit empirischen Aussagen wie:

Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf.

Sie werden mit weiblichen Werten, Erziehungszielen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Anpassungsforderungen zugeschüttet; aber sie sind angehende Männer, möchten und müssen wissen, was denn nun eigentlich ein Mann konkret ist, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann.“

Das ist wie Testosteron die Schuld an Vergewaltigung geben. Eine himmelschreiende Erklärung für und die Akzeptanz von Misogynie – Hass auf alles weibliche.

Die große Frauenverschwörung

Ist man im Internet unterwegs kreuzt manimmer öfters die Wege von Maskulinisten und fühlt sich oft in die 1950er Jahre zurück versetzt. Besonders dieser Tage, wo Frauenquote und Betreuungsangebot viel diskutiert werden und nicht nur die Bundeskanzlerin weiblich ist. Da wird in den Medien berichtet, dass Mädchen häufiger als Jungen in der Schule gute Noten erzielen, dass mehr Frauen als Männer studieren, etc.

Da werden dann plötzlich wieder sollche Argumente aufgetan, wie sich Hollerstein bedient:

zu viele Frauen im Leben armer kleiner Jungs!

Leider hinterfragt niemand dieser Meinungsvertreter, warum dies so ist. Ich kenne kaum eine junge Mutter, die sich freiwillig verlassen ließ von ihrem Freund/Mann/Partner und nun das Kind alleine aufziehen muss. Und es liegt nicht etwa an den Frauen, warum Männer zu selten den Beruf des Erziehers und des Grundschullehrers ergreifen – sondern weil er als zu unmännlich gilt, zu schlecht bezahlt wird?

Wenn Mädchen sich fürs Handwerkern interessieren, dann bekommt sie Lob. Wenn Jungen lieber Barbies frisieren, als mit Bagger zu spielen, wird das als besorgniserregend angesehen. Aber es war nicht immer so, dass Mädchen und Frauen gelobt wurden, wenn sie sich für technische Sachen interessierten – das haben wir uns erarbeitet. Es ist noch keine 100 Jahre her, dass wir in Deutschland für das Wahlrecht gestritten haben oder die ersten Frauen eine Universität besuchen durften oder allen ernstes darüber diskutiert wurde, ob Frauen eine Seele besitzen.

All das durften Männer schon von vorn herein. Ihr hattet all die Rechte für die wir kämpfen mussten. Nun ist es vielleicht an der Zeit anders über sogenannte Frauenberufe zu denken, denn Erziehung und Pflege ist meist noch in weiblicher Hand, und auch deshalb schlecht entlohnt. Es ist Schwerstarbeit und auch Schichtdienst ist auch nicht jeder Manns Sache, doch wenn ihr wollt, dass sich etwas ändert, dann löst euch vom alten Rollenbild und denkt über mehr Boys Days nach oder über eine Männerquote in Pflege- und Erzieherberufen.

Frauenquote  –  die Männer und die Angst

Noch mehr Angst scheint die Frauenquote zu machen. So hörte ich unlängst in meinem Bekanntenkreis, dass Mann sich schon Sorgen mache, dass Mann diesen und jenen Job nicht bekommen könnte, weil ja eine Frau eingestellt werden müsse. Man geht also automatisch davon aus, dass eine Frau im gleichen Job weniger qualifiziert sein wird und sie eben nur auf Grund ihres Geschlechts genommen werden würde.

So erzählte mir unlängst eine Freundin, dass ihre Schwester, nachdem sie eine Jobzusage auf eine intern ausgeschriebene Stelle bei einer großen Versicherung bekommen hatte, Anrufe zweier männlicher Kollegen bekommen hat, die sie daraufhin anprangerten, sie hätte die Stelle nur bekommen, weil sie eine Frau sei! Diesbezüglich hatten sie sich auch bei ihrem zukünftigen Chef beschwert. Unglaublich aber wahr!

Zur Entwarnung: die angeforderte Frauenquote liegt derweil bei 30%. Es bleiben also 70% für Männer übrig! Und der nun folgende eventuelle Konkurrenzkampf ist plötzlich unzumutbar? Wo er doch zuvor für Frauen meist aussichtslos war?

Frau Illner oder was sich Frau so anhören muss

In der Zeit musste sich Maybrit Illner letztens einem Interview mit Patrick Schwarz stellen, der die Gleichberechtigung der Frau als Gimmick darstellt, aber nicht als Menschenrecht.

So fragt er doch tatsächlich:

ZEIT: Aber können Sie verstehen, wenn manche Männer sich dabei veräppelt fühlen?

Illner: Wieso das denn?

ZEIT: Es gab ein Versprechen des Feminismus, dass die Gleichberechtigung die Welt nicht nur für Frauen besser macht.

[…]

ZEIT: Unser Land wird offener, angstfreier und kreativer, wenn die Frauen erst mal gleichberechtigt sind – war das nicht das Versprechen? Oder war das nur das trojanische Pferd des Feminismus? Außen stand’s drauf, aber…

Illner: …in Wahrheit kamen lauter Kampfamazonen aus diesem trojanischen Klepper geklettert? Nein, die Welt wird erst mal nicht netter. Die Probleme sind identisch. Und für beide Geschlechter heißt es: Wegducken gilt nicht.

ZEIT: Aber wenn es gar keinen Unterschied in der Herangehensweise von Männern und Frauen gibt, dann ist es doch auch – gesellschaftlich gesehen – gleichgültig, ob ein Mann oder eine Frau auf einem Chefsessel sitzt?

Illner: Das wäre es, wenn wir schon gleichberechtigt wären. Es gibt ein Grundgesetz. In der Verfassung steht nicht nur, dass jeder Mensch seine Würde hat, sondern auch, dass es eine Gleichberechtigung der Geschlechter gibt. Jahrzehntelang wurde das Grundgesetz an diesem Punkt de facto nicht umgesetzt. Daran arbeiten wir jetzt in diesem schönen Land.

Schwarzer sagt also: okay, ihr durftet eine Weile mitspielen im Sandkasten, wir sind immer noch nicht auf Öl gestoßen, also Förmchen abgeben und zurück auf die Bank mit euch Frauen!

Dass so ein Interview im Dezember 2012 geführt wird finde ich persönlich sehr erschreckend. Oder auch dass Konstantin Sakkas seinen unsäglichen und wehleidigen Artikel nur einen Monat früher im Cicero veröffentlichen darf – ich frage mich, was noch kommt. Wenn Zeitungen, die als seriös gelten, solche frauenfeindlichen Artikeln veröffentlichen?!? Von Sendungen wie NEOParadise im ZDFNeo mag ich gar nicht spreche, wo Frauen in Alt-Herren-Kegelclub-Manier an den Busen gegrapscht werden darf.

Und wann ist der Mann ein Mann?

Ein weiterer Aufschrei der durch die Medienwelt geht ist die Frage, was den Mann überhaupt noch zum Mann macht, wenn Frauen jetzt so unabhängig wie nie sind und die gleichen Dinge dürfen wie ein Mann.

„Wann ist der Mann ein Mann“, sang schon Herbert Grönemeyer. Und in dem Songtext von 1984 steckt mehr Wahrheit als denn je:

„Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann“

Auch unser Freund Hollstein vom Tagesspiegel weint um ein nichtexistierende Männerbild:

„Die jungen Männer sehen sich unter hohem Performance-Druck. Sie können und sollen heute auf alle Ansprüche flexibel reagieren: Sie sollen Frauenversteher, durchtrainierte Machos, Kinderwagen schiebender Papa und Karrieretyp sein.“

Mal davon abgesehen, dass die meisten Frauen ein ähnliches Dilemma selbst kennen: schön-schlank-durchtrainiert-Mutter-erfolgreich-im-Job-blitzeblanke-Hausfrau-und-porentief-rein-zu-sein, sehen manche Männer als letzten Ausdruck ihrer Männlichkeit den Gebrauch von Gewalt.

Wer jedoch seine Macht aus der Schwäche anderer zieht, der sollte sich klar machen, dass er nicht wirklich Stärke besitzt. Wer andere unterdrücken und kleinhalten will um selbst besser da zu stehen, der ist viel schwächer als er glaubt.

Wir sollten endlich begreifen, dass wir unsere Kräfte nicht darin verschwenden sollten neue Männerrollen und Frauenrollen zu erfinden, sondern neue Menschenrollen um eine gerechte Gesellschaft entstehen zu lassen, in der egal welchen Geschlecht, Hautfarbe oder Abstammung man ist, gleiche Chancen hat.

So, stop crying and move on!

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Ein Gedanke zu “Boys, please, don’t cry!

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