Die Kunst zu leben

Ernst Thälmann

Die moderne Gesellschaft hat den Menschen trotz aller Betonung von Glück, Individualität und Selbstinteresse gelehrt, sich bewußt zu werden, dass nicht sein Glück (oder um den theologischen Terminus zu gebrauchen, sein Heil) das Ziel des Lebens sei, sondern die Erfüllung seiner Pflicht zu arbeiten oder sein Erfolg. Geld, Prestige und Macht sind Triebfedern und Daseinszweck geworden. Der Mensch handelt in der Illusion, seine Handlungen nützten seinem Seilbstinteresse, obgleich er in Wirklichkeit allem anderen dient, nur nicht seinem eigenen wahren Interessen. Alles ist ihm wichtig, nur nicht das eigene Leben und die Kunst des Lebens. Für alles ist er zu haben, nur nicht für sich selbst.

– Erich Fromm, Den Menschen verstehen – Psychoanalyse und Ethik –

Ich sitze in der Ringbahn und fahre nach Neukölln zur Arbeit, als ich den Fromm lese und neben mir eine junge alkoholosierte Frau sitzt und telefoniert. Sie läßt sich über ihren Freund aus, dass er, immer wenn sie nicht in der Einrichtung ist, sonder beim ihm sich mit seinen Freunden verabredet und nicht bei ihr bleibt.

Doch es geht mir nicht um ihre Beziehung, die einen sehr morbiden Status zu haben scheint, sondern um ihre Art zu sprechen, die, gelinde gesagt, sehr einfach ist. Ich kenne diese Art zu sprechen von meiner Arbeit, nicht von der Arbeit direkt, sondern von den Menschen mit denen ich häufig zu tun habe. Steigt man am S-Bahnhof Neukölln aus, ist man umzingelt von ihnen. Hier die Goldkettenprolls, die sich wünschen dies hier wäre die Bronx, Mädels mit Kürbissfarbenem Make-up, Plastenägeln und Extensions – Menschen, die ich sonst nur von RTL2 kenne.

Aber zurück zu der Frau und Erich Fromm. Ich sitze also in der Ringbahn und denke über das Zitat von Fromm nach. Das Buch ist 1947 erschienen und doch finde ich es und insbesondere das Zitat, aktueller denn je, schaut man sich nur die Beschleunigte Gesellschaft an, der ich selbst ja aus der Bahn geflogen bin.

Und dann denke ich drüber nach, dass es einen Teil der Gesellschaft gibt, der sich zu allem verpflichtet fühlt einem immer größer werdenden Druck auszuhalten und alles mit einem übermenschlichen Aktivismus und Perfektion zu erfüllen, wie es von ihm verlangt wird, weil es ihm eingeredet wird, dass es so zu sein muss.

Und dann gibt es da – unter anderem – einen anderen (kleinen) Teil der Gesellschaft der sich schon in jungen Jahren dieser Leistungsgesellschaft entzogen hat. Der man ja auch von vornherein eintrichtert: bist du auf dieser und jener Schulform, dann wird aus dir nichts. So versagen sie zuerst und lassen sich dann treiben. Sie sind in eine Eigenverantwortung der Ellenbogengesellschaft entlassen, mit der sie nicht viel anfangen können. Allein gelassen von den Eltern, die wahrscheinlich nicht mahnend hinter ihnen stehen und das Mantra von erst-Schule-dann-Lehre-dann-Beruf-dann-Familie Gebetsmühlenartig wiederholen. Sondern die selbst ungenügend mit sich und ihrer Existenz zurecht kommen und mehr Kind sind als Vorbild oder Elternteil.

Natürlich gab es schon immer Taugenichtse, die sich nicht in die Gesellschaft einlebten, die kriminell wurden und deshalb verachtet. Doch finde ich, wird dieses Taugenichtsdasein heutzutage medial vermarktet und wird so zur Hoffnung einer ganzen Generation. Eine ganze Musikbranche lebt davon zu zeigen, dass man sehr gut ohne Bildung und Ausbildung zurecht kommt, dass das Recht des Stärkeren gilt, andere unterdrücken muss (sonst klappt das ja nicht mit dem Image) und gewisse Statussymbolen braucht, die man auch auf nichtkäuflichen Wege erwerben kann.

Reihenweise Castingshows im Fernsehen bringen den Traum quasi zum Greifen nah. Vielleicht ist es der Wunsch nach etwas, was man nicht hat, dass viele von einer Karriere als Superstar träumen läßt. Der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft. Vielleicht sind es aber auch die Gesellschaftlichen Veränderungen, die Auflösung der Stände und die somit entstandene Unorientiertheit, die manchen zu schaffen macht. Sie haben nun eine zu große Auswahl an ihrem möglichen Handelsspielraum. Eine zu große Auswahl macht leidenschaftslos.

Ich will das nicht verallgemeinern, doch bin ich der Meinung, dass es einige wenige in dieser Gesellschaft gibt, die an die Hand genommen werden müssen, weil sie völlig Orientierungslos in der heutigen Leistungsgesellschaft umherirren und eben lieber nach etwas irrealem streben, anstatt etwas „anständiges“ zu tun, was auch in ihrem Ermessen und Handlungsspielraum liegt. Vielleicht wären vor 100 Jahren diese Menschen nicht so eine Parallelgesellschaft wie heutzutage, weil sie Lumpensammler wie der Vater geworden wären, oder Näherin wie die Mutter, oder Schuster oder Bäcker.

Trotzdem ist mir die Überlegung mit den Ständen und der daraus – eventuell – entstandenen Orientierungslosigkeit etwas zu wieder. Schließlich habe ich in meiner Familie die besten Beispiele sich von unten nach oben zu arbeiten.

Aber wahrscheinlich darf man das ehemalige Proletariat – das ehrbare, wie Marx es bezeichnen würde – nicht mit den heutigen Proll gleichsetzen. Fehlt doch komplett as gesamte Bildungsproletariat, also die Menschen, die sich selbst durch Bildung nach oben gearbeitet haben, wie es auch in meiner Familie war.

So fehlte dem Proll doch das komplette Wissen über Bildung und der Umgang mit dieser. Wissen ist Macht – das ist nichts mehr für ihn. BMW, Mercedes, Dieter Bohlen und 50 Cent – das ist heute Macht. So eifert eine Generation möchtegern Gangstern hinterher, die sogar bzgl. ihres Künstlernamens grammatikalisches Unwissen aufweisen.

Aber nun ist es wie es ist. Die einen sind beschleunigt, die anderen sind es nicht.

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Ein Gedanke zu “Die Kunst zu leben

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