Das Kainsmal

„Ich bin für mein Leben geächtet.

Ich hab‘ einen Stempel auf der Stirn, wo draufsteht: Gewaltopfer.

Es wird mir nie oder selten jemand wertfrei begegnen können.“

Natascha Kampusch

Es ist so, dass nach einer Tat der größte Fokus auf den Verbrecher, auf das Böse gelenkt wird. Oft wird das Opfer vergessen – hat es doch das Martyrium überstanden und wird wieder in eine Welt entlassen, die einen nicht mehr betrachtet, wie vor der Tat. Der Täter wird analysiert, man befasst sich mit ihm, man versucht das Grauen zu entschlüsseln. Man will das vollkommene Böse darstellen, ihn entmenschlichen, weil ein „normaler“ Mensch doch nicht so etwas tun kann.

Das Opfer ist Opfer und soll es auch so bleiben. Das einzige, was hilft, ist das Schweigen und Vergessen und Warten, bis sich einige Jahre über die Wunden gelegt haben, bis sie nicht mehr nässen, sondern nur noch hart sind und wetterfühlig. Irgendwann kommt dann die Erkenntnis, dass das Trauma einen großenteil dazu beigetragen hat, wie man sich später benimmt, verhält und fühlt. Das, was einem angetan wurde, hat einen erschaffen. Mit dem Alter wird man gläserner und beginnt zu akzeptieren, dass dieser eine Tag, diese Tat zu einem gehört. In den Lebenslauf. Und auch wenn man eine starke Person geworden ist, so trägt man doch immer auf der Stirn das Kainsmal sobald man sich anderen Personen öffnet. Es ist selten Mitleid oder Anerkennung, die einem entgegenschlägt, es ist oft blankes Entsetzen, die dem Zuhörer ins Gesciht geschrieben ist. Oft fühlt man sich dann schuldig, sieht sich selbst als Täter, wenn man anderen mit seiner Vergangenheit konfrontriert.

Andere jedoch, gehen mit dem eben erzähltem Schicksal hausieren, als sei es eine Sensation, eine Schlagzeile in einer Yellow Press. Sie laufen dann mit dem fremden Schicksal vom einem zum anderen und erzählen: hast du schon gehört, hast du schon gehört – was der passiert ist?

Sensationslüsternd – alles schon erlebt und alles kein Einzelfall. Ganz und gar nicht. Es gibt eben auch dumme Leute. Aber man weiß nie, zu welcher Kategorie der Gegenüber gehört. Man weiß nur, dass man niemanden trauen kann.

Dann gibt es auch die Dritten, weil Freunde eben über das, was sie grade erfahren haben reden müssen, weil es eben doch zu viel ist für sie. Und dann sind die Dritten die Flapsigen und fragen meine Freunde, wie es der Verrückten geht. Und man wird immer in deren Augen das Opfer sein, das Kainsmal auf der Stirn tragen – die Verrückte sein, weil man doch nicht normal sein kann, wein einem soetwas passiert.

Man steht einer Öffentlichkeit gegenüber, die weiß, was mit einem passiert ist. Man fühlt sich nackt, weil es doch etwas sehr intimes ist, weil einem etwas angetan wurde, welches als einverständlicher Geschlechtsakt meist nackt vollzogen wird und so hat jeder vor seinen Augen seine Wahrheit, wie es gewesen zu haben scheint. Wissen die Menschen, die dort im Publikum sitzen, was einem angetan wurde, dann können sie einem nie wieder unbefangen begegnen. Man ist in ihren Augen vorallem Opfer, rohes Fleisch und soll sich auch so benehmen.

Das einzige, was bleibt, um der Mensch zu sein, den man gerne wäre, ganz ohne „Opferabo“, ist es zu schweigen. Egal wem gegenüber. Ob Mann, Familie oder Freunde.

Die Spreemieze

Ein Gedanke zu “Das Kainsmal

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