#refugeecamp

Stell dir vor es ist Krieg und niemand interessiert es. Stell dir vor, du siehst deine Freunde sterben, als du einer Demonstration für den Frieden bist. Stell dir vor, sie haben herausgefunden, dass du dabei warst, wo du wohnst und wer du bist. Stell dir vor, sie kommen nachts und holen dich und deinen Vater, vergewaltigen deine Mutter und deine Schwester. Stell dir vor, du siehst, wie dein Vater gefoltert wird, wie sie ihm die Fingernägel abziehen, ihm Gliedmaßen abtrennen. Du hörst seine Schreie und wirst sie nie vergessen. Dann foltern sie dich, bis zur Bewußtlosigkeit. Und alles nur, weil sie dich als Gefahr ansehen, oder ihre Macht ausspielen wollen – weil Menschen zu Monstern werden, wenn sie keine Moral mehr kennen.

Irgendwann wirst du frei gelassen, genauso ohne Grund, wie sie dich mitgenommen haben. Du schaffst es zu fliehen. In ein demokratisches Land. Du bist traumatisiert, allein, hast dein Land und deine Familie verlassen und das einzige was dir bleibt, ist dein Leben. Doch atmen, essen, trinken und leben reicht nicht allein um Mensch zu sein. Man ist da, in Sicherheit und lebt in einer Glasglocke ohne Teil einer Gesellschaft zu sein. Vogelfrei – ohne Perspektive. Ohne etwas tun zu können. Man ist nicht Mensch hier – man ist nur Geduldeter.

Es ist drei Tage her als ich das erste Mal auf Twitter etwas über das #Refugeecamp am Brandenburger Tor höre. Ich google eine Runde und finde nichts – nichts bei Spiegel Online, Die Zeit oder TAZ. Ich fange an den Twitter Stream zu verfolgen. Am nächsten Tag retweete ich die wichtigsten Tweets – ich bin geschockt über die sogenannten „Freien Medien“, die nichts, aber auch gar nichts darüber berichten, was wenige hundert Meter vor ihren Hauptstadtstudios passiert. Den Hungerstreikenden werden die Schlafsäcke und Isomatten weggenommen und das bei Minusgraden.

Marina Weisband bringt es auf den Punkt:

Der ehemalige Flüchtling und nun Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach tweetet sich mal wieder um Kopf und Kragen und beweißt wieder einmal, dass das christlichste im Namen ihrer Partei die Inquisition ist und nicht die Nächstenliebe:

Am dritten Tag kommen die Medien erst, als die Piraten sich für die Kamera ausziehen wollen.

Endlich kommen auch Ströbele und Künast vorbei und der Protest bekommt etwas Aufmerksamkeit. In der dritten Vorlesung des Tages fange ich an einige Tweets auf englisch zu übresetzen, weil der BBC wohl mitließt und ich entschließe mich abends zum #refugeecamp zu gehen.
Bepackt mit einer Menge Schals und Mützen, 3 Liter Gemüse Brühe, 1 Liter Tee, 50 Aspirin, englischen Büchern, diverse Teebeutel, 3 Packungen blaue Müllbeutel, Honig, Zucker und Vitamintabletten komme ich am Brandenburger Tor an und werde gleich von einem Polizisten abgefangen. Anscheinend sehe ich für ihn nicht wie die typische Demonstrantin aus und er ist recht nett, als er meine Ikeatüte einmal nach Campingutensilien durchwühlt. Dabei werden wir noch von einem Journalisten per Kamera abgeschossen.

Dann darf ich weiter und meine Sachen werden verteilt. Ich sehe jemanden der meine Chapka trägt, und einen anderen meine Handschuhe und es tut gut zu sehen, dass ich etwas tun konnte, auch wenn es vergleichsweise wenig ist, im Gegensatz zu den vielen anderen Supportern, die die Nächte an der Seite der Flüchtlinge bleiben.

Wir sollten daran denken, dass dieses Bild keine 70 Jahre her ist und dass jeder Mensch zum Flüchtling werden kann. Es ist kein Verbrechen einer zu sein, es ist ein Verbrechen einen Menschen zu einem zu machen. Niemand verläßt freiwillig seine Familie und sein Land, niemand wird freiwillig Flüchtling!

Für die Menschlichkeit!

die Spreemieze

Ein Gedanke zu “#refugeecamp

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