Auf Klassenfahrt

Ich hab Klassenfahrten gehasst. Lag daran, dass ich immer totaler Außenseiter war und mich keiner leiden konnte – im Gegenzug dazu konnte ich auch keinen leiden. Ich hätte lieber eine Woche lang 10 Std Schule gehabt als auf Klassenfahrt zu fahren. Ach war das schön nach dem Abitur -nie wieder Klassenfahrt! Yeah!

Nun arbeite ich in einem Hostel und bin wieder mittendrin. Als ich zur Spätschicht komme ist die ganze Lobby voll Pubertät. 50 meist schwarz gekleidete Jugendliche springen durch die Gegend. Die Jungs sind voll krass cool und hauen sich gegenseitig auf die Nase, die Mädels kichern und lassen sich von den Jungs ärgern – und das alles in 120 Dezibil. An der Rezeption stehen 4 gestresste Lehrer und verstehen nicht, dass 13 Mädchen auf ein 8-Bett-Zimmer mit 7 Personen und ein 6-Bett-Zimmer mit 6 Personen aufgeteilt wurden, weil man doch schon zu Hause eine Liste gemacht hat mit den Schülern, die alle zusammen in ein Zimmer wollen – hat man aber nicht an uns geschickt. Uns ist ja egal, wer in welchem Zimmer und mit wem zusammen ist. In der Pubertät ist das aber ganz großes Tennis.

Meine Kollegen aus der Frühschicht versuchen die Gruppe einzuchecken. Ich schmeiße Kopfhöhrer und Tasche in die Ecke und mache Gefahren Abwehr. Zwischen dem Getummel steht noch ein einsamer Gast, der sagt, das Internet würde in der Gästeküche nicht gehen, die im Keller liegen würde. Ich sage ihm, dass ich mich darum später kümmere, wenn alle eingecheckt sind. Er bietet an zu warten. Ich sage ihm, dass dauert hier mindestens noch eine halbe Stunde. Er sieht es ein und zieht wieder ab.

Dann kommt der Typ vom Weinhandel nebenan und will mit meiner Kollegin flirten (das Flirten ist aber immer sehr einseitig von ihm aus). Ich sage ihm, dass hier grad die Hütte brennt. Ach quatsch, gar nicht, sagt er und stellt sich genau vor sie und glotzt sie die ganze Zeit an. Ich gehe wieder zu ihm und sage bestimmt: entweder geht er jetzt an die Bar und setzt sich dahin und wartet oder verpisst sich  geht wieder, weil es HIER TOTAL VOLL IST UND ALLE IN AKTION! Er geht.

Dann bin ich wieder an der Rezeption bzw, dahinter. Die Rezeption ist für den Rezeptionisten das, was der Tresen für den Barmann ist. Er schafft einen gewissen Abstand (und der ist auch manchmal notwendig), er ist das Rettungsboot in Meer der Gäste, er ist er Fels in der Brandung. Neben den panischen Lehrern stehen nun Django 1-3: Aysch, haste Internet?

Ja, Internet gibt es hier und man muss jedem Gast einen W-Lan Code per Minidrucker ausdrucken. Ich drücke Django 1-3 jeweils einen Code in die Hand. Das mit dem Internet spricht sich rum wie ein Lauffeuer und plötzlich kommen alle zu mir. So nicht! Erstmal machen wir jetzt den Check-In und dann geht ihr aufs Zimmer und DANN kommt ihr nochmal runter und fragt nach.

Klare Ansagen führen zum Erfolg und sie ziehen wieder ab. Dann kommen zwei Ältere (die sind wahrscheinlich 18 und immer noch in der 10ten Klasse) und sagen Schlüssel. Ich: Schlüssel kriegt ihr von Euren Lehrern. Sie ziehen wieder ab. Großkotzig wie sie angekommen sind. Zwischendurch gehe ich noch ans Telefon, nehme Reservierungen auf, buche sie ein, öffne die Ausgangstür per Knopfdruck, weil alle permanent raus und rein gehen.

Bis die Schlüssel verteilt und unser muckeliger Aufzug alle nach oben transportiert hat vergeht Zeit. Zwischendurch wird meine Kollegin nochmal von einem Schüler angeschrien, der Mütze über den Ohren und Kopfhöhrer auf hat, weil er nix hört und nicht weiß, wie das mit der Schlüsselkarte geht.

Dann einen Moment Ruhe, bis alle wieder runter kommen und Ey, gib mal Internet wollen.

Ich: Ey, gib mal Internet gibt’s hier nicht. Wie heißt das im ganzen Satz?

Er: Kann ich mal Internet?

Ich: Zauberwort!

Er: Bitte.

Ich: Nun im ganzen Satz!

Er: Kann ich Internet haben, bitte?

Ich: Geht doch!

Und drücke jedem einen Internetcode in die Hand, der im ganzen Satz redet und das Zauberwort benutzt. Später am Abend werde ich gefragt, ob ich Chefin bin. So autoritär war ich noch nie!

Um 22 Uhr soll Nachtruhe sein, denkt sich der Rezeptionist, dann ist Ruhe im Karton. Dann geht es aber erst richtig los. Die gewitzen Lehrer campieren auf dem Flur, nachdem ich Ihnen an der Bar Rotwein verkauft habe und passen auf, dass keiner sein Zimmer verlässt. Leider kriegen sie nicht mit, dass die Schüler mittlerweile raus bekommen haben, wie die Fenster zu öffnen gehen und fangen an die Passanten am S-Bahn Gleis mit Obst zu bewerfen. Wir kriegen das auch erst mit, als ein wutentbrannter Getroffener in die Lobby kommt und sagt, entweder oder Polizei. Ich schicke den Security nach oben.

Wer jetzt denkt, nun muss aber Ruhe sein, der hat sich getäuscht. Die pickeligen Gemüter sind nun erst richtig erhitzt und das Speil mit dem Security geht noch bis nachts um 1. Am nächsten Tag wird ein Geburtstagskind mit Mehl überschüttet, ich muss ständig Besen und Kehrblech rausgeben, weil alle ADHS oder Parkinson haben und ständig was verschütten und umwerfen, danach wird Döner aus dem Fenster geworfen. Irgendwas aus dem Fenster werfen scheint grad ganz groß zu sein. Alle sitzen vor Facebook – haben wir uns früher auf Klassenfahrt tatsächlich unterhalten? – und posten den Daheim gelassenen, dass Berlin doch gar nicht so und so ist und alle hier ganz normal aussehen. Am Ende einer drei-tägigen Klassenfahrt ist durch pubertäre Grobmotorik eine Bettlampe aus der Wand gerissen, den Schülerinnen in einem der Mädchenzimmer in den Papierkorb geschissen und sämtliche Lieder bei Singstar durchgesungen worden.

Wir sind alle froh, als die wieder weg sind und ich stelle fest

ich-mag-immer-noch-keine-Klassenfahrten-Grüße

die Spreemieze

7 Gedanken zu “Auf Klassenfahrt

  1. Siehstewoll… Klassenfahrten waren damals viel aufregender. Wir haben noch (verbotenerweise) bei den Jungs campiert, Rotwein aus Zahnputzgläsern getrunken und den Petzern Rizinusöl in den Tee getan. Muhahaha, das gab ein Gerenne…. 🙂

    Nichtsdestotrotz – mein Beileid für das zerraufte Nervenkostüm und Chapeau für Deine Autorität, die den Lehrern offensichtlich fehlt!

    • Hallo, meine liebes Änn’chen,

      naja, ich bin ja nicht jeden Tag mit solchen Knallchargen zusammen 🙂 und das erschöpft nicht so, als sich das jeden Tag reinzuziehen 🙂
      Aber Lehrer möchte ich nicht sein – da hab ich lieber solche Gäste, die gehen ja auch irgendwann wieder 🙂

  2. Pingback: Results for week beginning 2012-10-01 « Iron Blogger Berlin

  3. Voll krass Alter, ey! Ich habe meine (wenigen) Klassenfahrtenerlebnisse alle verdrängt. Aber so drauf waren wir bestimmt nicht – und zum Glück gab es noch kein Internet, man hatte sich tatsächlich noch etwas zu sagen, und zwar in ganzen Sätzen! Der Abschnitt hat mir übrigens am besten gefallen. Ganz liebe Grüße an die Spree, Klari

    • Hallo liebe Klari, vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Bist du die Klarinettentante?
      Ja, über meine Autorität habe ich mich selbst sehr gewundert..bin da sonst auch nicht so 🙂

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