Von der Kunst Rad zu fahren

Es ist Sonntag und ich entschließe tollkühn mit dem Omafiets zur Arbeit zu radeln. Von Friedrichshain, durch Kreuzberg am Maybachufer entlang und dann über die Sonnenallee nach Neukölln. Wer schon einmal in Berlin war und selber einmal hier Auto gefahren ist, der kennt die Horden von Radfahrern, die sich hier kreuz und quer durch die Stadt bewegen und es ist jedesmal auch erschreckend für mich, wenn man mit dem Auto an der Ampel steht und von der Gegenfahrtrichtung kommen einem plötzlich 15 Radfahrer im Kamikazestyle entgegen geradelt. Gern auch unbeleuchtet und ganz in schwarz gekleidet bei Nacht, stürzt sich der Kamikazeradler überraschend vors Auto. Dann gibts noch die, die sich so langsam fortbewegen, dass man angst hat, sie würden gleich umfallen, also so langsam, dass sie noch nicht mal mehr das Gleichgewicht halten können.

Naja, hinter dem Kotti treffe ich mit meiner Omafiets auf zwei Hipster mit Pseudo-Rennrädern – ich weiß auch nicht, die fahren jetzt alle aufeinmal Rennrad – und überhole die großzügig mit ihrem Pseudoamerikanischen Dialekt. Man beobachtet immer öfter in Berlin, dass sich Leute – die aussehen wie ungewaschene Backpacker (früher sagte man Globetrotter) – die ganze Zeit auf Englisch unterhalten – mit einem Fake American Akzent, because we are so internäschonäl – und dann plötzlich ins deutsche wechseln und sich Lisa und Tom nennen. Nun ja, passiert und ich überhole also die beiden Hipster auf meinem Hollandrad, weiche noch ein paar deutsch beflaggten Autos aus, die ganz zufällig ganz nah am Hollandrad vorbei fahren und biege dann zum Maybachufer ab.

Dort ist Stoffmarkt und ich fahre, wie es sich gehört, auf der Strasse. Alleine, alle anderen fahren auf dem Bürgersteig. Das liegt am Berliner Kopfsteinpflaster. Kopfgroße Findlinge wurden hier in den Märkischen Sand gesteckt und nach 50 m bin ich so durchgeschüttelt, dass ich auch gern auf den Bürgersteig will.
Ich warte auf eine abgesenkte Stelle, dann will ich ausholen und Anlauf nehmen, doch neben mir fährt ein Auto. Das mit dem Winkel klappt nicht, Omafiets und ich haben verschiedene Meinungen von was zu schaffen sei, das Fahrrad buckelt und fällt unter mir um, ich kann noch Bremsen und fang mich elegant wie eine Dampflok ab, nur das Omafiets fällt hin und der Inhalt meines Fahrradkorb ergiesst sich über den Bürgersteig. Erschreckte Hipster springen zur Seite. Aber glaubt man, dass diese Ich-trinke-Club-Mate-bis-zum-Weltfrieden-Menschen einem irgendwie aufhelfen? Nein, dafür kommt der nächste Türke mit Handy am Ohr – Verbindung Istanbul-Berlin – angerannt und sammelt einen auf. Tja, auf Berliner ist verlass ihr pseudo-soziales-veganes-Pack, ihr Gentrifizierer…
Nachdem ich wieder eingesammelt bin, schiebe ich mein Fahrrad weiter. Ein anderer Radfahrer fährt über die gleiche Stelle und ihm springt eine Wurschtsemmel aus dem Fahrradkorb. Den sicheren Tod im Auge wollte sie sich wohl zum nächsten Vegetarier in Sicherheit bringen.

Weiter geht die Fahrt und die Meute vor mir fährt so langsam, dass ich gar nicht mehr treten kann, ohne auf die vor mir fahrenden aufzufahren. Ich kann auch nicht überholen, denn sie fahren nebeneinander, zu zweit. An der nächsten Ecke sind sie dann plötzlich zu dritt und auch Autos kommen nicht mehr vorbei. Mir reichts, ich biege ab zur Sonnenallee. Hier kann man wenigstens vernünftig fahren.

Wie-Antje-von-der-Käsetheke-Grüße

Miez

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