The Rich eat the City

Es gab mal eine Zeit, da wollte niemand nach Berlin. Also höchstens mal als Tourist, aber ansonsten war es viel zu groß, viel zu viel Mauer und überhaupt naja, nicht so schick, ein bisschen zu erdig, zu prolletarisch. Trotzdem war Berlin immer angesagt bei denen, die nicht in ihre Heimat gepasst haben, die zu ausgeflippt waren, nicht mit dem Strom schwimmen wollten – Hausbesetzer, Künstler, Bundeswehrflüchtlinge.

Dann kam der Fall der Mauer und diverse Spekulanten verspekulierten sich, weil Berlin nicht so schnell hip werden wollte, wie es Immobilienhaie es sich gewünscht haben. Nun, über 20 Jahre später ist es soweit und Berlin steht bei der Jugend der Welt ganz hoch im Kurs, weil es eben im Vergleich zu New York, Paris, Rom und London recht billig ist – das Totschlagargument.
Und weil Berlin eben noch recht günstig ist und so wild und hip kommen immer mehr junge Menschen hierher um hier zu studieren, unseren Fachkraftmangel zu beenden und sich niederzulassen. Die Lebensmittelkosten sind recht niedrig, jedoch sind die Mieten in den letzten 3-4 Jahren explosionsartig gestiegen. Denn kaum lassen sich immer mehr und mehr junge kreative Menschen hier nieder, wittert der Immobilienhai, der Kapitalist ein Geschäft. Und so passiert das, was fast überall auf der Welt passiert.

Frühere, ehemalige Arbeiter- und Problemviertel werden komplett umstrukturiert, Marmorverkleidet und Fußbodenbeheizt und es entstehen Wohnungen, die für normale Einkommen nicht mehr erhältlich sind. Niemand hat etwas dagegen, wenn alte, morbide Wohnungen mit Außenklo saniert werden und standartisierter „Luxus“ wie Badewanne oder Innenklo einzieht, aber zur Zeit entstehen so viele Wohnungen in ehemaligen Arbeitervierteln, die sich niemand mehr leisten kann.

Zur Zeit bauen wir uns eine Stadt, in der keiner was zu wohnen hat, denn was die Immobilienhaie vergessen haben, ist, dass zwar gern viele Menschen hier wohnen, aber hingegen keine Industrie und keine großen Firmen hier ansässig sind. Es fehlt also Berlin an den passenden Arbeitsplätzen zu den gebauten Wohnungen. Tourismus, Hotellerie und kreative Freiberuflichkeit werfen meisten gar nichts bis wenig ab und man hat nur so viel was zum Leben vom Hand in den Mund reicht.

Am unverfrorensten finde ich jedoch, dass es ja in den vielen gentrifizierten Städten dieser Welt nicht so ist, dass dort nie und niemals nie reiche Leute gewohnt haben. Das haben sie schon immer und das ist auch gut so. So gibt es die Villen in Wannsee im Bezirk Zehlendorf, die herrschaftlichen Gebäude in Blankenese oder Bogenhausen. Reicht das nicht um schön und gut in Marmor zu wohnen? Mag man es etwas urbaner, dann gibt es da noch den Ku’damm, den Jungfernstieg oder die Maximilianstrasse.

Doch es scheint nicht zu reichen, denn so greifen die Oberen, die Besserverdienenden nach immer neuen Vierteln, von dem Hype der Hippness getragen und verformen ehemalige Arbeiter- und Rotlichtviertel nach ihrem Geschmack. Plötzlich entstehen dort, wo früher sich Nutten die Beine in den Bauch standen und auf einsame Matrosen warteten exquisite Designerlofts. Die, die früher nie einen Fuß dorthin gesetzt hätten und über das „Gesinde“ gespottet haben, vertreiben nun die, die dort wohnten, weil sie sich sonst woanders nichts leisten konnten.

Mehr Nachfrage läßt also auch die Preise steigen, es ist und bleibt ein Verkäufermarkt – auch wenn es in Berlin noch genug leerstehende Wohnungen gibt und ganze Gebäudekomplexe noch brachliegen – wir aber leider nicht mehr so mutig sind diese zu besetzen. Vielleicht sind wir auch einfach nicht mehr wild genug dafür.
Nun stiegen die Mieten in den ehemaligen Arbeiter- und Problembezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg und  Prenzlauerberg wie folgt:

Alle drei Graphiken von Immobilienscout24.de

Nicht eingerechnet sind hier die Steigerungen von Gas, Wasser, Strom, Lebensmitteln und sonstigen Lohnnebenkosten. Allein Strom ist seit dem Jahr 2000 um 70% gestiegen.

Der Durchschnittslohn von 2002 auf 2009 jedoch nur um 8%.  Anzumerken ist noch, dass in gesamt Berlin Tarif Ost gilt. Nun stellt man schon beim Lesen fest, dass da irgendwas nicht stimmen kann.

Die Managergehälter der 30 größten deutschen Konzerne sind allein im Jahr 2010 um 18% gestiegen. Das sind die, die von der Occupy-Bewegung als 1% betitelt werden. Bedenkt man nun, dass ganze Stadtviertel mit hunderten von Wohnungen für diese 1% luxussaniert werden, so stellen wir fest, dass nichts anderes bleibt als entweder WGs zu gründen oder eben ganz entfernt vom Zentrum zu wohnen.
Und die, die sowieso kein Geld haben und auf die Hilfe vom Staat angewiesen sind, werden ebenfalls verdrängt, in die Außenbezirke. Der Spiegel warnte schon 2011 von einer White Trash Ghettoisierung.

Langsam verstehe ich nicht mehr, wie immer noch der menschenverachtene und knallharte Kapitalismus als das liberalste System gegen den Kommunismus dargestellt wird. Dabei kann man ein Wirtschaftsystem nicht mit einem Regierungssystem vergleichen. Man vergleicht auch nicht Äpfel und Birnen.
Stürzt der Kapitalismus und wandelt sich zur Sozialen Marktwirtschaft auf Basis der Menschenachtung, Nachhaltigkeit und der Direkten Demokratie, kann man hier nicht automatisch von Kommunismus sprechen.
Der Kapitalismus ist ein totalitäres System, welches auf Darwins Survival of the Fittest beruht, und an dessen Ende nur noch einer übrigbleibt, bis er sich selbst wegrationalisiert.

Ob wir das schaffen weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir etwas ändern müssen, sonst geht es weiterhin bergab.

Auf-gehts-Grüße

Miez

2 Gedanken zu “The Rich eat the City

  1. totaler unsinn. nach kreuzberg, neukoelln usw. ziehen nicht die reichen, sondern eher der mittelstand … nicht jedes kindergartenklischee glauben. im uebrigen ziehen die meisten der neuen eigentuemer, die wohnungen kaufen auch selbst rein. wer dort reinzieht? interesse an der realitaet statt antikapitalistischer (= fabriziert die meiste armut der erde) vorstellungen? => architekten, lehrer, designer, professoren, kuenstler, journalisten …

    und gentrifizierung ist auch gut, ansonsten wuerden manche bezirke kippen. kippen bedeutet: radikales ansteigen von purer gewalt gegen schwule, lesben, frauen, streetgangs. linke leben nur noch uebergangsweise dort, ansonsten werden sie fachgerecht zusammengeschlagen bis sie es lernen und rausgekickt. genau das passierte in den meisten grosstaedten, wenn NICHT gentrifiziert wurde … welcome in the 21. century

  2. Welcher Mittelstand? welcher künstler, lehrer, journalist und junger designer kann sich denn bitte Mieten von bis zu 3.000 euro (in Mitte) leisten?
    Ich rede auch nicht von normalem Wandel in einem Bezirk, sondern von Marmorausgestattenen Luxusappartements…

    und wie gesagt, wo ziehen die Krakenschwestern, Altenpfleger, Kindergärtner, Hotelfachleute und Sachbearbeiter hin? Ach, das ist schon unterschicht? Na dann, danke!

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