Verächtliche Beurteilungsmoral

Ich bin so sehr genervt von der Beurteilungsmoral unserer Gesellschaft, dass ich diesen Beitrag mit gehöriger Wut im Bauch schreibe. Letztens war ich auf der Arbeit, trug eine Art Babydoll und stand wie immer im extremen Hohlkreuz (ein Relikt aus meiner Tanzkarriere, wo ich lernte ständig und überall die Knie durchzudrücken). Das ermutigte einen männlichen Vertreter unserer Spezies mich zu fragen, ob ich schwanger sei.
„Nein, ich bin nur einfach so dick!“ war meine Antwort. Die Frage des Mannes war eindeutig auf den, für ihn wohl monströsen Umfang meines Bauchs gemünzt. Ich weiß selbst, dass ich im letzten Jahr 15 kg zugenommen habe und habe daran selbst, im wahrsten Sinne des Wortes, schwer zu tragen. Trotzdem bin ich nicht Adipös, sondern laut Aussagen irgendwas zwischen griffig, drall und absolut weiblich. Und deshalb absolut nicht kompatibel mit dem gängigen Schönheitsideal.

Egal wo man als Frau entlang geht, überall, von jeder Häuserwand, von jeder Seite eines Magazins, im Fernsehen, ja überall wird einem gezeigt, wie man als Frau auszusehen hat, wie man, seine „Fehler“ beheben kann. Jedem Kind, dessen Kinderzimmer man mit dem Foto der älteren Schwester plakatieren und ihm immer und immer wieder sagen würde: Schau her, du bist nicht wie sie. Du siehst ganz anders aus, du kannst dies und das nicht, dann würde man ohne Zweifel sofort eine Therapie bewilligen und sich auch nicht wundern, wenn das Kind nur wenig Selbstbewußtsein hat.
Uns Frauen jedoch wirft man salopp vor, warum wir uns zu Sklaven der Schönheitsindustrie und der Aussehgesellschaft machen. Doch ist es so unmöglich sich der Beurteilungsmoral der Aussehgesellschaft zu entziehen, wenn man weiterhin Kontakt zur Aussenwelt haben will.

Das fängt schon damit an in einen Laden zu gehen und zu versuchen etwas in seiner Größe zu finden, wenn man zu dick für Kleidergröße 40, aber von Ulla Popken und H&M Big is beautiful noch einige Kleidergrößen entfernt ist. Fast ein Ding der Unmöglichkeit beim heitigen Skinny-Wahn eine Hose zu finden, deshalb trage ich meistens nur noch Röcke und Kleider. Ich weiß selbst, dass es mit 1,81 cm nicht leicht ist, Klamotten in der richtigen Länge zu finden, aber zur Zeit kriege ich die meisten Sachen gar nicht erst über die Oberschenkeln. Manchmal scheitere ich schon beim Einstieg, weil Fußausschnitt und Wade auf Kindergrößenniveau sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Heute geht es mir ehr um die beurteilenden und oft verletzenden Kommentare, die man doch recht häufig erntet – besonders von Männern. Ich muss ungefähr 14 gewesen sein, als ich an einem Nachmittag durch die Fußgänger Zone in Hannover lief und ein alter Knacker auf mich zu kam und sagte:“Sie haben einen schönen Busen!“ Ich war so sehr erschrocken, dass ich nichts erwidern konnte.In Anbetracht meiner Vergangenheit aber zutiefst intim verletzt, denn was ist, wenn Männer sich sowas schon trauen auf der Strasse auszusprechen, dann ist das andere auch nicht weit. In dieser Zeit hungerte ich mich auf 53 kg bei meiner derzeitigen Größe. Trotzdem fühlte ich mich immer noch unglaublich fett und ekelig. Daran hat sich nichts geändert, außer, dass ich jetzt 30 Kg mehr wiege, keine schlechten Leberwerte mehr habe und mir nicht mehr schwindelig wird, wenn ich vom Stuhl aufstehe.

Kommentare über meine Brüste erhalte ich immer noch: Geile Titten wird nun meist gesagt. Trotzdem sehe ich sowas nicht als Kompliment, sondern werde durch diesen testosterongeschwängerten Ausdruck, der einer logopädischen Ejakulation gleicht, zum Objekt degradiert. Sexobjekt.
Oder aber auch Kommentare wie: „ey, guck mal die!“ „Alder, nee man,die is voll fett.“ Tun einfach weh.
Denke ich an meine letzte Arbeitsstelle vor dem Studium und an den Gesellschafter der Firma, der mich ständig fragte ob ich Sport machen würde, weil ich eben nicht so aussehe und dass ich einen fetten Arsch hätte, ist es mit dem mühsam antrainierten Selbstbewußtsein vorbei. Das ganze gipfelte dann darin, dass, wenn ich ihn etwas fragte, er meinte: was will die Frau mit dem fetten Arsch von mir?
Von der Geschäftsleitung wurde mir nur gesagt :ich solle nicht immerso provizieren und eben drüber stehen.

Seit dem Schwangerschaftskommentar wünsche ich mir eine kleine Magersucht wieder herbei. Auch wenn es unheimlich anstrengend war, immer ans Essen zu denken und nie die Kontrolle zu verlieren, doch dauernt daran erinnert zu werden nicht ins androgyne Ideal zu passen ist auch nicht leicht. Vielleicht habe ich doch endlich Ruhe, wenn Busen und Po weggehungert sind, dass man nicht nur auf mein Äußeres schaut, sondern auch auf das was ich denke, sage und fühle.

Keiner-hat-nach-einer-Beurteilung-gefragt-Grüße

Miez

7 Gedanken zu “Verächtliche Beurteilungsmoral

  1. Liebe Miez,

    du hast es so wunderbar auf den Punkt gebracht! Danke, dass das mal gesagt wurde. Kleidergrößentechnisch geht es mir genau wie dir, Läden wie Orsay oder gar Pimkie braucht man als „griffige Frau“ (sagt mein Mann) nicht mal mehr zu betreten. Da fängts bei 128 an und hört bei Frauengröße S auf. Na danke! Trotzdem kein Grund zu Hungern und sich dem scheinbaren Schönheitsideal anzupassen. Habe gerade in einem meiner letzten Posts über Barbie geschrieben, die – wenn sie real wäre – auf allen Vieren kriechen müsste wegen der viel zu langen Beine in Kombination mit dem zu langen Hals, dem zu schmalen Oberkörper und den riesigen Brüsten. No Way! Erstrebenswert ist anders! Thanks for a real Good laugh mit der logopädischen Ejakulation. Schön gesagt 🙂

  2. 15 Kilo? Jetzt weiß ich auch warum du dir krankhaft einredest, dass du keinem Mann brauchst. Bei dem Übergewicht wird es schwierig. Da ist es sicherlich einfacher das Beziehungsleben schlecht zu reden.

  3. Wer spricht von Übergewicht. Beziehung hat nichts mit dem Aussehen zu tun, das kennenlernen schon. Aber das hat nichts mit den Kilos zu tun, sondern mit Menschen, die solche Kommentare schreiben.

  4. Kenne ich auch und es nervt fürchterlich… ich habe nicht nur zugenommen, sondern aufgrund großzügiger Kortisongaben zur Asthmabekämpfung nehme ich fast nur am Bauch zu und ja, es sieht schwanger aus… aber was soll ich machen, atmen ist nämlich auch nicht schlecht. Dazu kommen jedoch von überall wohlwollende Kommentare, sei es im Pub, dass Bier trinken schlecht ist in der Schwangerschaft, bzw. mein Essensverhalten … und du bist doch bestimmt noch hungrig? bis zur Erkenntnis, daß ich sicher bald platzen werden… genau, so siehts aus. Mein Mann informiert sich über Eierstockkrebs und andere Krankheiten, die den Bauchzuwachs begünstigen und ich finde mich selbst nur noch in Kleidern schön, frontal von vorne und leicht oben herab (kein Doppelkinnansatz) fotografiert. Androgynität könnte ich jedoch beim besten Willen nicht erreichen, denn das hervorstehendste Merkmal sind immer noch meine Hüftknochen und die bleiben eben wo sie sind 🙂 Liebe Grüße Thea

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