Der Umfrageterrorist

Also gut, ich gebe zu: Berlin ist ja nicht nur toll. Es gibt auch ziemlich viele Dinge, die mich kollosal nerven.
Zum Beispiel Touristen, die im Weg stehen, Schienenersatzverkehr, Balkan-S-Bahn-Musiker mit Verstärker oder ungebetene Auto-Frontscheiben-Putzer.
Was auch überhaupt nicht geht und einen zum Slalom-Laufen animiert, sind die Umfrageterroristen auf dem Alexanderplatz. Es ist quasi zum Spießrutenlauf geworden, der ganz normale Gang über den Alexanderplatz.

Man kommt also vom S-Bahnhof Alexanderplatz und will einmal quer rüber zum BCC und davon weiter nach Hause. Auf dem Weg links vorbei am Alexanderhaus haben sich an besonders schlimmen Tagen die Teams von WFF, Kinderhilfswerk und Malteser positioniert. Denkt sich der schlaue Großstadtmensch, gehe ich doch rechts vorbei am Alexanderhaus an der Hochbahn stehen die Malteser und dahinter, gegenüber dem Alexa Scientology. Alle Umfrageterroristen – außer die Scientologen, die kann man immer noch cholerisch anschreien, wenn die Fragen, ob man einen Stresstest machen will – sind total aufgekratzte junge Kulturwissenschaftstudenten – oder ein anderer Studiengang bei dem man nicht an chronischer Sozialphobie leidet; Informatik, Mathe und Physik fallen hier schonmal weg – die allesamt an ADHS leiden. Meist sind sie in Zivil gekleidet. Man erkennt sie meist an den Kladden in ihren Händen, dann hat man schon mal eine Chance weitläufig – mindestens 2 Kilometer sind da nötig – auszuweichen. Die Profis unter den Umfrageterroristen haben diese bereits abgelehnt und tragen nur noch ein verräterisches Schlüsselband.

Will man keinen Körperkontakt mit diesen aufdringlichen Menschen, dann sollte man weitläufig das Areal umrunden, denn diese Überzuckerten in den 1990ern geborenen laufen einem auch hinterher oder man wird quasi zum Spielball im Umfragevölkerball und der Kollege springt einen an. Ja, die springen meistens wirklich. Manchmal zwei aufeinmal, die dann Hand in Hand über den Alex springen und total fröhlich und aufgedreht genau 10 mm vor einem stehen.
Dann gehts los.

„Hallihallohallöle!“
Ich rate dazu mit eiserner Miene weiter zu gehen und so zu tun, als wäre man taub, blind oder Autist.
„Hallooooooo!“ der Umfrageterrorist hüpft hinterher und gestikuliert wild.
„Haben Sie schonmal von….gehört?“
Kopfschütteln, weiter gehen, bloß nicht stehen bleiben…
„Ja, aber warten Sie doch mal…“
Schritttempo auf 30 km/h erhöhen
„Okay, schönen Tag noch für Sie!“
Und raus ist man auf der Gefahrenzone.

Dann gibts da noch den Typ Silberpfeil des Umfrageterroristen. Man geht also zielstrebig über den Alex, guckt möglichst böse und abschreckend, da sieht man ihn im Augenwinkel. Verdammt! Blickkontakt! Und schon rennt der Umfrageterrorist auf einen zu. Man fängt selbst anzurennen…das BCC ist die Rettung!
„Haben Sie…“ schreit er im Laufen.
„Neeeeiiiiin!“
„Aber bleiben Sie mal stehen!“ keucht er.
„Neeeeeiiiiin!“
„Warten Sie doch!“
Die Ampel, die über die Grünerstrasse führt ist grün, ich sprinte.
„Heee, hallo!!! Ich….“
Und damit ist er aus der Hörweite verschwunden.

Es nervt mich total, nicht mehr einfach mal so verträumt über den Alex zu gehen, ohne von ADHS geplagten Mitzwanzigern angesprungen zu werden. Da kriege ich schlechte Laune, die ich dann meist und auch berechtigt an den Scientologen rauslasse. Im Winter, so zwischen Januar und Februar sind die dann meistens weg, kommen aber wieder, sobald die ersten zarten, warmen Sonnenstrahlen den Horizont streicheln. Ach ja: Winter! Was für eine ruhige und schöne Zeit…

Stadtbeobachtungs-Grüße

Miez

2 Gedanken zu “Der Umfrageterrorist

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