Kindern vom Krieg erzählen

Die Stadt ist ein Geschichtsbuch. Sie ist voll von Vergangenheit, Kriegsnarben, Stolpersteinen, der alles teilenden unsichtbaren Mauer, Mahnmalen und Kaisergedöns. Alles hing miteinander zusammen, ziemlich Komplex, das alles zu begreifen, fällt schon Erwachsenen schwer.
Doch wie das Kindern erklären, die keine Bindung mehr an den Krieg hat.

So fahre ich mit den Kindern am Anhalter Bahnhof vorbei und sie fragen: wieso ist das Tor kaputt?
Das ist kein Tor, sage ich, das sind die Reste vom alten Anhalter Bahnhof. Der wurde im Krieg zerstört. Die Überreste sind nun ein Denkmal, damit es nie wieder Krieg geben soll.

Und am Ende wird immer wieder die Frage gestellt: was ist Krieg?
Ich versuche zu erklären, dass früher böse Leute hier regiert haben, die sich mit anderen Ländern gestritten haben und es deshalb zum Krieg gekommen ist. Dass viele Leute gestorben sind und sich in Berlin die Leute vor den Bomben im Keller versteckt haben. Meine Oma auch.

Und dann gehen wir durch den Tierpark und kommen am Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus vorbei und wieder werde ich gefragt: was ist das?
Ein Mahnmal, sage ich, damals, als die bösen Leute hier regiert haben, da mochten die es nicht, wenn Männer und Männer sich lieb hatten und Frauen und Frauen. Dann haben die die Menschen eingesperrt und umgebracht.

Und immer wieder bekomme ich von den Kindern die Antwort: und wenn ich mal groß bin, dann gehe ich zu dem Krieg und mach den Krieg kaputt, damit es den nicht mehr gibt.

Nun wächst wohl endlich eine Generation von Kindern heran, die nicht mehr, wie wir, mit dem Krieg verbunden, ja verwandt sind. Die frei von vererbten Schuldgefühlen sind und komplexfrei mit der internationalen globalen Welt umgehen können.
Die vererbte Verbundenheit der drei Generationen Konstellation ist vielleicht beendet und damit auch die Selbstverständlichkeit für die Geschichte, für den Krieg. Oma im Krieg aufgewachsen, Mutter im Kalten Krieg und ich hab die Wende mit erlebt. Welthistorisch voller Relevanz. Ist denn in Deutschland danach noch etwas so bedeutendes passiert?

Dank Bettkantengeschichten und Nesthäkchen, deren Autorin Else Ury 75-jährig in Auschwitz ermordet wurde, war der Krieg uns immer allgegenwärtig, auch im ZDF Ferienprogramm, weil wir seine Folgen unmittelbar gespürt haben. Nicht nur durch die Atomkriegsängste unserer Grundschullehrerinnen, sondern auch, dass unsere Bekannten aus dem Osten uns nie besuchen durften. Das alles klingt so sonderbar und ist doch so komplex. Wie schwer ist es da so etwas 5-jährigen zu erklären, wenn wir es selbst kaum noch begreifen können?

Und gehe ich an Häuserwänden vorbei, so sind dort manchmal noch Einschußlöcher zu sehen und ich bin erschrocken und fasziniert zu gleich und frage mich jedesmal: wie konnte überhaupt ein Mensch hier überleben?


Wie-sag-ich’s-den-Kindern-Grüße

Miez

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