Was vom Trauma übrig blieb…

Je mehr ich mich kennen lerne, desto mehr wird mir klar, warum ich so bin, wie ich bin, warum mein Körper auf bestimmte Art und Weise reagiert.

Da sind nicht nur die seit 24 Jahren anhaltenden Albträume, in denen ich seit damals vor jemandem träume der mich verfolgt. Ich laufe Nacht für Nacht durch Strassen, zerstörte Häuser, klettere über Kisten, versuche mich zu verstecken, warne Leute, bevor sie um mich herum sterben. Muss mich selbst tot stellen und habe niemanden, dem ich vertrauen kann. Dann letztens, habe ich sie gesehen, die mich seit Jahren verfolgen. Fünf Kopfgeldjäger, aschfahl und abstoßend, standen sie plötzlich vor mir, mit Pumpguns, die dann vor meinen Augen meine Katze erschossen haben. Ich bin dann durch ein Feld gekrochen, ins nächste Haus und hab dort versucht unterzutauchen, bis sie mich wieder gefunden haben. Das sind schon keine Albträume mehr, ich habe mich schon daran gewöhnt, dass ich jede Nacht renne. Sind die Träume besonders schlimm, dann knirsche ich mit den Zähnen. Laut. Und am nächsten Tag tun mir die Zähne und der Nacken weh.

Dann gibt es da mein Wachsames Auge. Es ist das rechte Auge, welches ich nicht schließen kann, wenn ich nicht alleine bin. Ich hab mich immer selbst über mich beim Yoga geärgert, warum ich in den Ruhephasen nie zur Ruhe kommen und nie meine Augen schließen konnte. Oder warum ich, wenn ich zuviel im Kopf hatte, mir beim Mittagsschlaf das rechte Auge zu halten musste, weil es immer wieder aufsprang.
In der Klinik ging es gar nicht mehr, weder zur Ruhe kommen, noch die Augen schließen und ich wurde von Entspannungsübungen befreit, weil man das schon von anderen Traumapatienten kannte.
Jetzt weiß ich, dass mein Körper immer in Habachtstellung ist und immer auf mich aufpasst. Aber es ist eben schwer, wenn man mit einem Mann da liegt, auch wenn man ihm vertraut und einfach nicht von der Anspannung lassen kann, man nicht still in seinen Armen einschlafen, kein kuscheln genießen kann, weil jeder Zentimeter Haut angespannt ist. Mittlerweile versuche ich gar nicht mehr die Augen vor anderen zu schließen und setze mich nicht mehr unter Druck, weil ich ja weiß, woher es kommt.

Ruppige Berührungen an meinem linken Arm lösen bei mir immer noch Flashbacks aus. Das letzte Mal passiert in einem Möbelhaus am Stadtrand von Berlin. Ich fragte die Verkäuferin, wo der nächste EC-Automat sei. Sie nahm mich am linken Arm und zog mich in die richtige Richtung und ich begann zu heulen. Wie ein Wasserschwall kamen mir die Tränen, das Zittern und die Erinnerung. Ich konnte es weder stoppen, noch unterdrücken.
Hinzu kommt, dass ich, egal welches Deo ich benutze, immer nur unter der linken Achsel rieche. Diese beiden Sachen beruhen auf das Körpergedächtnis, denn nicht nur in der Seele steckt das Trauma, auch im Körper. Für mich immer wieder beeindruckend, was noch alles in mir steckt und warum alles so ist, wie es ist. Denn das, was mir angetan wurde, hat mich zu dem gemacht, wer ich heute bin.

So-ist-es-Grüße

Miez

2 Gedanken zu “Was vom Trauma übrig blieb…

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