Single in the City – Teil VI

Ich sitze mal wieder im allerliebsten Lieblingscafe. Es ist Samstagmorgen – für Berlin, für andere ist es bereits Mittag, Kreuzberg befindet sich noch im Tiefschlaf. Um mich herum sitzen viel Pärchen. Die, bei denen die Männer unrasiert sind, die Frauen kein Make-up außer Labello tragen, sehen aus, als hätten sie die ganze Nacht durchgevögelt, und haben sich noch etwas zu erzählen.
Andere Pärchen, die, die sich nicht unterhalten, lesen schweigend Zeitung, sind geschminkt und rasiert.
Ich schaue wieder zu den anderen Pärchen und denke: Noch unterhaltet ihr Euch, noch, aber wartet nur ab.

Das ich so verbittert erscheine liegt wahrscheinlich daran, dass ich eben über die menschenleere Oranienstrasse gegangen bin und in einem der zahlreichen Buchläden einen Blick in das neue Buch von Christiane Rösinger Liebe wird oft überbewertet – ein Sachbuch werfen konnte. Ich bin schon so eine grausame unromantische Kreatur und muss dies nicht noch bis zum Exodus betreiben.
Morgens ist das allerliebste Lieblingscafe quasi ein Pärchencafe. Auf jedenfall am Wochenende, morgens. Am Nachmittag sitzen hier vor allem Frauen mit ihren Freundinnen. Es ist nicht auszuschließen, dass die gleichen Frauen am Morgen hier mit ihren Männer saßen und nun am Nachmittag ebenfalls hier mit ihren Freundinnen um sich gegenseitig Bericht zu erstatten: Wie war es? Was habt ihr gemacht? oh…ah, und wie war es? Meinst du, er ruft an? 
Und bei den anderen: Ja, lief schon wieder nichts. Wir haben kaum noch Sex. Wir reden nicht mehr miteinander. Ach, ich weiß nicht. Aber ich liebe ihn ja so.
Und ich mitten drin.
Mich fragt grad keiner, weil ich hier alleine sitze. Aber sonst fragt eigentlich jeder, auch mein Therapeut: Was macht die Liebe? Und bei dir so? Was machen die Männer?
Gar nichts. Sie machen alle gar nichts. Der-Mann-der-nicht-anrief-dafür-eine-Email-schrieb schreibt auch die nicht mehr, Mr. Big ist nicht zu erreichen, nur die charmante Begleitung ist wie immer charmant aber nur durch den Äther. Falls sich etwas an dem Zustand ändern sollte, sage ich Bescheid.
Aber kann man nicht einfach mal in Ruhe Single sein und seine Komplexe weiter ausbauen? Ich meine, ist ja nicht so, dass keine Männer mit Flirtpotenzial da wären, aber ich bin einfach zu blöd zum Flirten und zu schüchtern. Außerdem sehe ich schlecht.
Da ist z.B. Herr G-Punkt aus der Drogerie am Alexanderplatz. Er sitzt manchmal an der Kasse, sieht groß gewachsen und gut aus. Zudem hat er kastanien-rot-braune Haare – da kommt mein Captain Future Fetisch wieder durch – und lächelt, wenn ich an der Kasse bin. Außerdem weiß er schon alles über mich: welche Sorte Tampons und Binden ich nehmen, dass ich einen Kater habe, der gern das Katerfrühstück Hering in Dillsauce von Dein Bestesfrisst und feuchtes Toilettenpapier mit Kamille benutze. 
Schon mal die wichtigsten Sachen geklärt. Doch statt zurück zu lächeln, entgegne ich immer nur mit diversen Gesichtsentgleisungen. Ich kaue auf der Unterlippe, ziehe eine – im besten Fall – Schnutte,- unter realen Gesichtspunkten betrachtet – auch Fresse genannt. Meine schon so recht flexible Gesichtsmuskulatur – wer mich kennt, weiß was ich meine – denkt sich immer weitere Extremitäten aus – aber ein Lächeln bekomme ich nicht hin.
Letztens war ich dort mit Claire – zuckersüße 1,5 Jahre – und als ich sie so in den Wagen setze, bemerke ich seinen Blick und seine Schlussfolgerung: die hat ein Kind! Mmh, dann erstmal eingekauft und überlegt, wie man aus dem Schlamassel wieder rauskommt. Mir vorgestellt, wie ich ganz cool an der Kasse stehe und sage: ist nicht meine, ich bin die Nanny! und eine akrobatische Ganzkörpergeste wie Fran Fine hinlege: Schätzchen, wenn du der neue Mr.Sheffield werden willst, dann ruf mich an!
Stattdessen stehe ich an der Kasse. Er fragt nach der Kundenkarte. Meine Gesichtsmuskulatur macht eine Achterbahnfahrt. Räusper.
Nee, hast du eine Claire? betretenes Lächeln auf beiden Seiten. Dann geht meine EC-Karte auch noch nicht mal und ich versinke im Boden. Ich bezahle Bar, schnappe den Einkauf und Kind, was mal wieder nicht laufen will, und verlasse fluchtartig die Drogerie wie ein Packesel mit Claire, Katzenstreu und -Futter, Kinderkeksen und Windeln af. Wenigstens weiß er jetzt, dass ich ganz schön stark bin.
Nur-noch-frisiert-zum-Tampon-kauf-Grüße
Miez

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