Dein Individualismus ist mir zu mainstream

Der Hipster ist ein urbaner Mythos, ein Phänomen. Es soll ihn geben, doch niemand will einer sein. Kurz zur Erklärung, es handelt sich in diesem Fall nicht um eine neumodische anglizistische Bezeichnung für Hüftschlüpper, sondern um eine individuelle Spezies Mensch. Ein Hipster ist laut Urban Dictionary:

„Hipsters are a subculture of men and women typically in their 20’s and 30’s that value independent thinking, counter-culture, progressive politics, an appreciation of art and indie-rock, creativity, intelligence, and witty banter.“ – Quelle

Das niemand mehr ein Hipster sein will ist klar, weil sich das Wort Hipster langsam zu einem Schimpfwort entwickelt. Früher dachte ich immer, Hipster sein ein Wort für besonders modebewusste Menschen, doch eigentlich ist ein Hipster in total verklemmter und mainstreamiger Mensch, der sich gern als Individualist beschimpft. Das kenne ich von der AMD Hamburg an der ich studiert habe. Dort waren alle so super individuell und hielten sich auch dafür, dass ihnen gar nicht auffiel, dass sie alle gleich aussahen.

Ich mag solche Leute nicht, weil sie sich immer für etwas Besseres halten und sich selbst für so wichtig, dass sie immer  total ernst sind. Letztens wurde ich bei einem depressiv-individuellem Sit-in angezählt, weil ich des Öfteren beim schwedischen Discounter, sprich H&M, einkaufen würde, das wäre gegen Nachhaltigkeit und die würden Kinder beschäftigen. Mein Diskussionseinstieg, was wohl die Kindern machen würden um Geld zu verdienen, wenn die nicht in der Fabrik arbeiten würden, da sie nicht die Wahl zwischen Schule oder nähen, sondern ehr zwischen nähen und Strich hätten, wurde gleich ignoriert. Als ich dann kurz mit meiner Freundin telefonierte um das Babysitten für den nächsten Tag abzusprechen, wurde ich wieder angezählt, wobei man sich neben mir Nichtraucher eine Zigarette anzündete, was halt dann der individuelle Ausdruck von Freiheit respektive Suchtverhalten war. Dazu gab es Fairtrade Hirsesalat und Indi-Musik, die zur Untermalung jedes Suizids passen würde. Ein Abend, so fad wie Club Mate, den ich schnell verließ.

Berlin ist ein Sammelpool für alles und jeden, der in Restdeutschland fies beäugt wird. Das ist schon Tradition. Hier kann man leben, wie man will, und auch anziehen, was man will. Das macht sich der Hipster zu Gebrauch. So sieht man viele junge Menschen in diversen Secondhand-Shops – allen voran Made in Berlin – die aussehen, als wären sie im Dunkeln durch die DRK Kleiderkammer gegangen und kaufen völlig überteuerte Altkleider, die schon in ihrer Dekade hässlich waren und kombinieren diese mit Urban Outfitters und American Apparel. Ihre WG-Zimmereinrichtung kommt vom Flohmarkt am Mauerpark und ist NICHT restauriert, weil man halt sich viel zu wichtig nimmt um für so etwas einen Gedanken zu verschwenden.

Bei Männern fehlt hierbei auch oft einfach das handwerkliche Können. Hipster Männer gehören generell zur Loserfraktion. Sie sind zu lethargisch um überhaupt etwas aus ihrem Philosophie Studium zu machen und denken stattdessen lieber den ganzen Tag nach. Sie werden in der Zeit als Schmerzmänner beschrieben und tragen gerne Strickmützen aus ihrer Kindheit. Durch schlechte vegane Ernährung sind sie meist untergewichtig und pressen ihre dürren Beinchen in knallbunte Röhrenjeans. Der Spätkauf ist der Konsumtempel schlecht hin, in dem Nachschub von schlechtem überregionalem Bier wie Tannenzäpfle oder Astra garantiert wird, wer kein Bier trinkt greift zu Club Mate, was nach beobachtender Feldstudie vom Institut von Fersen als Antidepressiva eingeordnet werden kann. Als Zeichen seiner Männlichkeit trägt der maskuline Hipster gern ungepflegten Vollbart.

Weibliche Hipster versuchen meisten jeglichen Sexappeal unter diversen Schichten schmuckloser Omaklamotten zu ersticken, weil sie der Meinung sind, dass sie mit dem Kleinstbisschen Anzeichen von Weiblichkeit für dumm und/oder für ein Sexobjekt gehalten und damit nicht mehr ernst genommen werden könnten. Lange Haare werden zu einer Zwiebel wie Witwe Bolte auf den Kopf geklöppelt. Dazu trägt man Leggins, flache Schuhe oder Budapester und eine dicke, fusselige Strickjacke. Roter Lippenstift und Nagellack, der eigentlich nicht ganz selbstbildkorrekt ist, wird nicht als Make-up bezeichnet.

Beide Geschlechter vereint der Hang zur Heinz-Erhardt-Gedächtnis-Brille, egal ob eine Sehschwäche vorliegt oder nicht. Im Sommer trifft man sie meist an lauen Abenden im Club der Visionäre, mit einer Nase voll Koks und einem Flaschen Bier in der Hand. Den Jutebeutel um die Schulter gebunden und die analoge Spiegelreflex im Anschlag um Leute für ihren Modeblog zu fotografieren, die genauso aussehen wie sie selbst. Das Bier bleibt selbst bei tropischen Temperaturen kalt, weil man halt einfach cool ist und eben wichtig und intellektuell, auch wenn man nur Paolo Cuelhos Veronika beschleißt zu sterben gelesen hat. Sex wird man an diesem Abend nicht mehr haben, denn man ist ja nicht zum Spaß da.

Und-trotzdem-will-auch-ich-in-einen-Modeblog-Grüße

Miez

Ein Gedanke zu “Dein Individualismus ist mir zu mainstream

  1. Hipster sind eindeutig Mainstream in Vermont, wahrscheinlich weil männliche Vermonter eh schon ganzjährig Vollbart und Wintermütze tragen. Überregionale Billig Biere gibt es aber nicht… wenn schon kein eigenes Homebrew, dann doch wenigstens local und organic produziert. Nicht umsonst ist der einzige Supermarkt der Stadt eine Cooperative. Zu kurze Cordhosen und Schafspullover wirken auch einfach sehr natürlich am Besitzer einer Ziegenfarm (Miniziegen, zu niedlich) und nach der Arbeit wird noch gemalt, man ist schließlich auch Künstler. Die Damen sind dementsprechend Farmersfrauen, Kunsthandwerkerinnen und viele haben jede Menge Tattoos… viel mehr als die Herren, sowie gestretchte Ohrlöcher 🙂 Ansonsten gilt auch hier (mittlerweile bereits als Sticker erhältlich): 0% of Hipsters actually refer to themselves as „Hipsters“

    Modeblog = Stativ + Kamera, ganz einfach 🙂

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