Pflugscharen zu Schwerter

Nach einer Straftat ist nichts mehr so wie vorher. Man geht nicht mehr als derselbe Mensch wie vorher in den Kindergarten, Schule oder zum Arbeitsplatz. Erst einmal muss an den großen Schmerz der Verletzung von Grenzen, dem Körper und der Seele verwenden, doch meist schlägt einem nur wenig Verständnis vom Umfeld entgegen. Man wird nicht auf eine Sänfte gesetzt und in Watte gepackt, man bekommt nicht die Zeit, die man eigentlich braucht, weil die Menschen die einem vorher und nachher kannten etwas von einem erwarten. Sie haben Vorurteile. Auch gegen Opfer.

Zwei Sätze gibt es, die mir immer wieder das Blut in den Adern stocken lassen, besonders jetzt, da ich nach 24 Jahren endlich in Behandlung meiner Posttraumatischen Belastungsstörung gekommen bin. Den Satz:

„Wenn man vergewaltigt wurde, muss man einen Knacks weg haben.“

Wie viel hundert Mal habe ich diesen Satz schon gehört und hab da gesessen und gehofft, dass mir niemand etwas anmerkt. Denn begreift man einmal, dass man beäugt wird, wenn man sich erstmal wieder aufrappeln muss und alle darauf warten, dass man erste Anzeichen von Verrücktheit aufweist, dann entscheidet man sich meist für die Maske und wird ein Schauspieler. Man sieht die Erleichterung bei Familie und Freunden, dass man doch wieder ganz normal ist. Man hört dann irgendwann die ersten Vergewaltigungsmythen, dass man selbst dran schuld sei und dann beschließt man irgendwann zu schweigen und das, was einem passiert ist, niemand mehr zu erzählen. So sitzt man dann also da mit zugeschnürten Hals, wenn Kollegen davon sprechen, dass der eine aus der Buchhaltung die Exceltabelle vergewaltigt hat, wenn man den neusten Tatort guckt, der einen enorm triggert oder eben, wenn man solche Sätze hört. Man will ja nicht verrückt sein, man will nicht, dass irgendjemand etwas merkt, man will, man darf nicht auffliegen – aus Angst verurteilt zu werden. Und man wird verurteilt.

Wer das als Nichtbetroffener nicht nachvollziehen kann, dem kann ich wieder einmal eine Anekdote erzählen, die mir letztens widerfahren ist. Eine Freundin berichtete eine ihrer Freundin – eine Medizinstudentin – über das, was mir passiert ist. Als sie sich das nächste Mal trafen fragte die Medizinstudentin: „Na, was macht deine verrückte Freundin?“

Der zweite Satz, den ich nicht hören kann und mag ist:

„Opfer werden zu Tätern.“

Dieser Satz unterstellt mir, dass ich später selbst meine Kinder missbrauchen werde. Dieser Satz ist enorm, er tut so sehr weh und ist unerträglich. Besonders, wenn man sich näher mit Psychologie beschäftigt und weiß, dass sich oft persönliche Schicksale auf spätere Generationen quasi „vererben“ -die so genannte Epigenik (hier ein Artikel dazu).
Aber nicht nur das. Durch meine Arbeit im Kinderwohnheim habe ich von vielen schrecklichen Biografien von Kindern erfahren, die von ihren Eltern missbraucht, geschlagen, allein gelassen wurden. Die in den ersten Lebensjahren nicht die Möglichkeit hatten Vertrauen in das Leben zu fassen, Bindungen aufzubauen, Fürsorge, Liebe und Geborgenheit erfahren durften. All das sind wichtige Bausteine, die der Mensch in den ersten Lebensjahren erlernen muss, sonst können Störungen im Sozialverhalten auftreten. Wird dies dann nicht therapeutisch behandelt, bzw. wird dem Kind nicht gezeigt, dass Schläge eben nicht normal sind, dann kann dies auch zu schwerwiegenden Folgen für die weitere Entwicklung haben.
Jeder hat schon einmal drüber gelesen, wenn wieder ein Gewaltverbrechen geschehen ist und die Tat per se mit einer schrecklichen Kindheit des Täters erklärt wird.

Ja, es ist Realität, dass dies passiert. Doch trotzdem ist es eine gesellschaftliche Grausamkeit jeden quasi vor zu verurteilen und keinem Heimkind, keinem Opfer mehr eine Chance zu geben. Es bleibt nur sich die Maske aufzusetzen und zu schweigen.

Zu-keinem-ein-Wort-Grüße

Miez

3 Gedanken zu “Pflugscharen zu Schwerter

  1. Liebe Sabrina,
    ich kann sehr gut verstehen, wie Du Dich fühlst. Es ist schmerzhaft, wenn man die Gleichgültigkeit oder die Vorurteile der Anderen erfährt. Als Opfer befindet man sich praktisch in einer Sackgasse: Wenn wir schweigen und die Straftat verdrängen, können wir nicht darüber hinweg kommen, weil wir das Erlebte nicht verarbeitet haben. Wenn wir einfach erzählen, was uns angetan wurde, fühlen sich die Anderen unwohl und wollen nicht darüber reden, oder sie fangen an, ihre indiskreten Fragen zu stellen und verletzende Kommentare zu machen. Wir brauchen es nicht, die Missbrauchserfahrung in alle Welt heraus zu posaunen. Wir sollten unsere Schutzräume finden, damit wir da über das sprechen können, was uns beschäftigt. In diesem Sinne hoffe ich, dass Du Deine Behandlung hilfreich findest.
    LG Lucrezia

  2. Hallo Sabrina,
    wir waren vor über einem Jahr mal spazieren. Ich weiß nicht ob du dich überhaupt daran erinnerst, das ist aber auch nicht wichtig denn darum geht es nicht. Ich habe seit dem ab und zu deinen Blog verfolgt, weil er mich doch irgendwie gefesselt hat. Und das spricht doch für deine Fähigkeit zu schreiben.
    Also wir kennen uns faktisch nicht, aber konnte schon das eine oder andere Mal einwenig über das was du in der Kindheit erlebt hast ein bisschen erfahren. Ich denke das eine oder andere Mal vielleicht auch zwischen den Zeilen, ganz unbewust. Ich kann bei diesem Thema in sofern nicht richtig mitreden, weil mir diese Erfahrung zum Glück ersparrt geblieben ist. Aber mir ist aufgefallen, dass in allen deinen Texten so viel Ernergie steckt und diese Energie in dir sein muss, sonst wäre das nicht möglich. Ich weiß leider auch was es heißt wenn es einem so schlecht geht, dass man keinen Ausweg mehr sieht und man sich u.a. auch Gedanken macht wie man von anderen wahrgenommen wird und was über einen gedacht wird. Eigentlich sollte das nicht so sein, aber mann kann sich nur schwer davon frei machen. Es werden einem Vorurteile entgegen gebracht und kostet so viel Kraft sich davon nicht kaputt machen zu lassen.
    Ich glaube du bist auf dem richtigen Weg und ich glaube, obwohl ich dich nur von deinem blog kenne, dass du die Kraft und den Willen hast deinen Weg zu gehen, wie auch immer der aussieht.
    Schweigen ist nur richtig wenn du dass wirklich willst, sonst ist ausprechen der richtige Weg und Menschen die dir etwas bedeuten und denen du etwas bedeutest, werden dich immer verstehen, egal wofür du dich entscheidest. Das heiß wofür du dich auch immer entscheidest, das ist der richtige Weg!
    Gib dir selbst noch etwas Zeit und du wirst sehen das es bergauf geht und du an innerer Stärke gewinnst.
    Alles Gute für Dich.
    LG

  3. Vielleicht funktioniert der Satz andersherum… Täter waren zumeist Opfer. Aber ob Opfer auch Täter werden, das hängt von vielen Faktoren ab: ist es eine andauernde Opferrolle oder ein isoliertes Erlebnis, wer sind die Täter, welches Geschlecht hat man selbst (ich habe immernoch das Gefühl, daß Frauen eher zum Täter an sich selbst werden) Ich habe einmal über Kinder aus sozialbenachteiligten Familien gelesen und wie sie es schafften sich ein sozusagen normales Leben aufzubauen… die meisten wussten nicht einmal was normal ist, Schläge sind normal, betrunkene aggressive Erwachsene sind normal… bis sie aus welchem Grund auch immer andere Familien kennenlernten… wo niemand geschlagen wird, wo regelmäßig gekocht wird, wo abgewaschen wird und Hausaufgaben für die Schule gemacht werden… und sie beschlossen nicht, die sind alle doof und denen haue ich jetzt eine, weil es ihnen so gut geht, sondern sie beschlossen, daß sie irgendwann auch eine solche Familie haben werden 🙂 Damit werden sie nicht perfekt, es wird immer wieder Momente geben, an denen offenbar wird, daß ihre Kindheit mehr Risse hat, als die anderer Leute, aber ich glaube fest daran, daß es möglich ist Brücken über die Risse zu bauen 🙂

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