Remember, remember the 5th of November

„Niemand ist mehr Sklave, 
als der sich für frei hält, 
ohne es zu sein.“
Johann Wolfgang von Goethe
Als ich letztens den Fußboden meines Apartments, den denkmalgeschützten Holz-Stein-Fußboden, auf den Knien schrubbte und die verfluchte Leichtbauweise der frühen DDR-Regierung verfluchte, kam mir in den Sinn darüber nachzudenken, wie sich unsere heutige Generation entscheiden würde.
Wenn sich eine neue Deutsche Demokratische Republik gründen würde, die Arbeit für alle, keine Ellenbogengesellschaft, Kinderbetreuung und geringe sozialen Unterschiede versprechen würde und man im Gegenzug den Kompromiss der Überwachung und eingeschränkten Reisefreiheit in Kauf nehmen würde, ob sich heute viele freiwillig dem System anschließen würden.
In einem Überwachungsstatt leben wir, Dank Herrn Schäuble und dem Bundestrojaner, eh schon; einen Urlaub kann man sich bei den Durchschnittslöhnen sowieso kaum noch leisten. Und wenn man dann noch mit niedrigen Lebenshaltungskosten argumentieren würde, wäre das vielleicht doch eine Lebensalternative. Niedrige Mieten und Strompreise, kostenlose Kinderbetreuung, dafür nur Kohl im Winter und keinen Chianti mehr. Ginge das?
Ich kenne so viele für die ein normaler Alltag finanziell nur noch mit Kompromissen vereinbart werden kann. Wenn eine Cola plötzlich € 3,50 kostet, ein Paar vernünftige Schuhe erst bei € 80,00 beginnen und der Lohn seit 1990 nur um 7% gestiegen ist. Was ist, wenn man in einer vermeintlich freien Welt lebt, in der es nichts Wichtigeres gibt als Mobilität und Flexibilität? Das aber nur mit einem gewissen Maß an Geld zu begehen ist, bei dem der Gang zum Starbucks dazu gehört, wir uns ihn aber bald nicht mehr leisten können. Einen mittelprächtigen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken, der den Tagessatz eines Hartz IV-Empfängers entspricht gehört zur Realität, genauso wie der Verlust unserer Identität bei Facebook. Wir können uns kaum mehr an ein Leben erinnern, als nicht ständig das Blackberry schnurrte und man noch, um einen kurzen Anruf von unterwegs zu tätigen mit einer Chipkarte zur nächst gelegenen Telefonzelle ging, oder gar noch mit 10 Pfennig Stücken seine Einheiten bezahlte.
Letztens sortierte ich mein Kleingeld und fand noch ein paar D-Mark Münzen, die ich jedes Mal mit dem Gedanken quittierte: Hach, das war noch richtiges Geld. Auch wenn es nur eine starke Verklärung der Vergangenheit ist, mir fehlt die Sicher- und Gedankenlosigkeit des letzten Jahrtausends. Damals, als Englisch noch als Fremdsprache bei einem Vorstellungsgespräch anerkannt wurde, ein zu schreibendes Angebot man nicht innerhalb von 2 Stunden beantworten musste und Postkarten noch mit 60 Pfennig frankiert wurden.
Wir stöhnen über die beschleunigte Gesellschaft und die Entwertung des Geldes. Aber nicht nur die Entwertung des Geldes ist es, was uns unruhig macht, es ist die Entwertung der Moral, die uns langsam zum Aufstehen zwingt.

Es geht etwas vor in unserer trägen Welt, auch wenn es die Mitte-Rechts Medien gern verschweigen, es ist etwas im Gang auf der Welt, es ist der Vorabend einer Revolution. Und zum ersten Mal in unserem Leben machen wir uns die neuen Medien zum Freund, zu unserer Waffe. Sie sind nun nicht mehr nur Instrumente der beschleunigten und damit auch der kapitalistischen Gesellschaft, sie sind nun auch Kommunikationsmittel der Tausenden Demonstranten.
Im Arabischen Frühling sahen sich viele Länder in Nordafrika so sehr gegen die allgegenwärtige Macht der Internauten in die Ecke getrieben, dass ihnen nichts weiter übrig blieb als das Internet zu kappen. Blogger wurden verhaftet und eingesperrt, genauso erging es Ai Wei Wei, nach Syrien dürfen keine ausländischen Journalisten mehr reisen und auch diesmal bringt uns das Web 2.0 – verwackelte – Bilder von blutüberströmten Demonstranten gegen die gewaltbereite  Regierung.
Es ist unter anderem die Profitgier des totalitären Kapitalismus, der Israelis dazu brachte gegen die steigenden Mieten zu demonstrieren. Ebenso gingen Spanier, Franzosen, Chilenen auf die Strasse. Sie demonstrieren gegen Habgier, Jugendarbeitslosigkeit und Zerstörung der Welt. Unserer Welt, die so, wie es sich gerade gestaltet, bald nicht mehr lebenswert erscheint und zu kollabieren droht. Nur weil ein paar wenige mit Geld spekulierten, dass es gar nicht gab.
Eine Fatahmorgana stürzt die Welt in den Abgrund, ein Dämon, der erst nach September 11 aus seiner Höhle ausbrach. Die Anschläge auf das World Trade Center waren der Startschuss für die unglaubliche Raffgier der wenigen Finanzhaie, die sich bereichern wollen und das auf Kosten anderer tun. Schon immer war es so, dass der Reichtum der 1sten Welt auf der Armut der 3ten Welt basierte. Doch nun ist es auch so, dass Mehrheit der Einwohner dieser 1sten Weltländer sich in unglaublicher Armut und Hoffnungslosigkeit wieder finden. Als kleine Schraube in einem System, dass so Menschenunwürdig ist und das Material Mensch verbraucht und austauscht in unmenschlichster Form. Die Gesellschaft wird verheizt vom Borderline Kapitalismus, der für die Zählung der Hinrichtungen des kleinen Mannes da ist, währenddessen er auf seine eigene Hinrichtung wartet.
It is time for change, sagte damals Obama und viele Amerikaner geraten bei dem Gedanken an ein Soziales Krankensystem in Panik. Die Erkenntnis, dass der Turbokapitalismus nicht mehr Gesellschaftsfähig ist, kommt langsam ins Bewusstsein, doch raubt es vielen Menschen den Schlaf, denn die Frage ist: Was kommt danach. Der Denkfehler besteht darin, dass Kapitalismus Demokratie bedeutet und Kommunismus bzw. Sozialismus Diktatur.
„[…] Der Wirtschaftsliberale Lester Thurow schreibt, dass „Demokratieund Kapitalismus zwei grundverschiedene Ansichten über die angemessene Verteilung von Macht haben. Die Demokratieberuht auf einer Gleichverteilung der Macht: „Eine Mensch, eine Stimme.“ Während der Kapitalismus auf dem Gedanken beruht, dass der ökonomisch Stärkere den Schwächeren aus dem Geschäft schmeißt und so seinen Untergang besiegelt – ‚Survival of the fittest‘ und eine ungleiche Machtverteilung ist das, worauf kapitalistische Wirtschaftlichkeit baut. Der individuelle Profit steht an erster Stelle und Firmen werden wirtschaftlich, um mehr Kapital anzusammeln. Um es in eine klare Aussage zu packen: Kapitalismus ist perfekt vereinbar mit Sklaverei. Demokratie nicht.“ Mit dem gleichen Gedanken schreibt der Wirtschaftskorrespondent der Chicago Tribune R.C. Longworth, ebenfalls kein radikaler, dass der ‚Kampf zwischen Kapitalismus und Demokratie‚ das Kernstück der ‚gegenwärtigen Diskussion über die globale Wirtschaft ist. In der Theorie lassen sie sich vielleicht kombinieren‘, behauptet Longworth, ‚aber die Grundzüge der Demokratie sind die Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht eines jeden Menschen die Entscheidung selbst zu treffen, die sein Leben beeinflusst und die Schaffung einer Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit und Gleichheit beruht. Die entscheidenden Faktoren des Kapitalismus sind: Ungleichheit, Profit für den Geldgeber und die Effizienz der Produktion und des Vertriebes. […].“
Quelle: zmag.de 
 Vielleicht lässt diese Feststellung nun manche ruhiger schlafen, oder ganz den Glauben an die Zukunft verlieren. Fakt ist jedoch, solang wir uns von einer geringen Minderheit der Gesellschaft fremdbestimmten und ausbeuten lassen, sie und wie Marionetten für ihr Wohl behandeln und kein Wert auf Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit legen, solang unser Planet weiterhin rücksichtslos geplündert wird und die Raffgier der 1% nur bis ins hier und jetzt reicht und niemals an die Zukunft nach ihnen denkt, solang wird es bald keine Zukunft mehr für uns geben und wir werden uns selbst zerstören.
Wir brauchen eine neue Gesellschaftsordnung, die uns hilft eine gesunde und nachhaltige Zukunft zu kreieren, die moralisch ist und Verantwortung übernimmt.
Es ist das Jahr 2011 in dem es Zeit wird uns wirklich zu befreien, um den ersten Schritt in Freiheit in Richtung Zukunft zu gehen.
Miez

Ein Gedanke zu “Remember, remember the 5th of November

  1. toll geschrieben, macht mich gerade sehr nachdenklich. ist es aber nicht auch so, dass die mehrheit der gesellschaft sich natürlich ausgebeutet und belogen fühlt, wirkliches engagement dagegen aber nicht stattfindet ? die leute laufen weiter in ihrem trott, denn sich mit den dingen zu beschäftigen und eine meinung zu vertreten, ist vielen dann auch wieder zu anstrengend. das ist doch echt tragisch.

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