Rette Deine Stadt – Support Tacheles Teil I

Letztens war ich in Hamburg. Hamburg ist schön, etwas steif und sehr sauber. Dies fiel mir sofort auf, als ich mit meiner Freundin durch die Straßen schlenderte und dann wurde mir klar: hier gibt es gar kein Streetart! Bis auf einzelne schlechte Tags in der Nähe des S-Bahnhofs Rothenburgsort und, durch eine überdimensionale Schiefertafel eines Restaurants, überklebtes Pasted Paper Streetart in Ottensen. Die Stadt ist schön langweilig für mich und meine Kamera. Ich mag es nicht die typischen Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, für mich wird eine Stadt erst interessant und schön mit Ecken und Kanten. Ich finde Dinge, die viele Leute als hässlich empfinden, als viel reizvoller als bis zur Perfektion getriebene Anmut, Design und Schönheit. 
Deshalb laufe ich so gern mit meiner Kamera durch Berlin, vorbei an verwaisten Häusern, kaputten Straßen und Brachflächen. Doch leider verschwinden diese immer mehr und mehr aus dem Stadtbild.
Hierbei verurteile ich nicht die Instandsetzung der kaputten Häuser, die vor 20 Jahren meist noch ein Außenklo hatten, sondern die Modernisierung der Stadt. Die das was Berlin ausmacht – seine wilde Avantgarde und seine Bewohner – immer mehr vertreiben, was in ein paar Jahren zu sozialen Problemen führen wird wie in den Banlieues in Paris.
Beißt der Investorhai zu, hat es sich bald ausgewohnt im alten Kiez. Schauen wir uns Mitte an. Früher Scheunenviertel hinter dem Rosenthaler Platz, in dem viele Juden aus Osteuropa wohnten, dann die Gegend um die Mulackstrasse, beherrscht von den Ringvereinen, der Berliner Unterwelt. Diese Gegend war der Slum von Berlin. Heute erinnert nur der Straßenstrich noch an diese Zeit. Vor 20 Jahren waren die meisten Häuser noch so marode, dass man denken konnte, man könnte die mit einem Fingerstubs umstoßen. Natürlich ist es gut, dass die Häuser saniert worden. Was nicht gut war ist, dass die Bewohner der Häuser vor die Wahl gestellt wurden: kauf deine Wohnung oder geh. Doch die Wohnungen waren damals schon kein Schnäppchen mehr und welche alte Omi oder junge Familie bekommt einen Kredit für eine so teure Wohnung. Also zog man ein Quartier weiter. Z.B. in den Prenzlauer Berg, von da aus nach Friedrichshain/Kreuzberg und nun ist Neukölln dran. Der ehemalige Arbeiterbezirk mit dem gefürchteten Rollbergviertel ist besonders bei den Studenten rund um das Paul-Linke-Ufer beliebt.

Die Gentrifizierung beginnt, weil Immobilienhaie neuen Fang wittern.
Und die, die damals dort wohnten, ziehen nun weiter, in die Außenbezirke. Pendelzeiten bis zu 1,5 Stunden, schlechte Infrastrukturen, Langeweile, Hoffnungslosigkeit. Die dort lebenden Bewohner, die in ihrem alten Kiez noch eine soziale Infrastruktur hatten, bilden nun in diesen Randbezirken den „White Trash“, denn Berliner mit Migrationshintergrund (wie es so schön heißt) ziehen hier nicht her. Experten befürchten dass sich diese öden Vororte bald in die Banlieues von Berlin verwandeln. Denn nichts ist schlimmer, als Menschen mit gleichen sozialen Nachteilen in einem Viertel unterzubringen. Gleich und Gleich gesellt sich gern und kommen dann zum Stillstand in der Abgeschiedenheit, weil es keinen Nachbarn gibt, der es anders macht.



Zudem wird die Stadt immer öder. Als Beispiel hierfür nehme ich die Oranienburger Strasse. Dort steht auch das im Titel erwähnte Tacheles. Ich wollte früher immer in dieser Strasse wohnen. Sie war so geschichtsträchtig. Die Häuser mit ihren Einschusslöchern und Kellergeschäften erzählten Geschichten, heute tun das nur noch die Stolpersteine auf dem Bürgersteig.
Ich habe dieses Quartier der Stadt geliebt, weil so viel Geschichte darin steckte. Im Schatten des Fernsehturms siedelten sich nach dem Mauerfall diverse Künstler an. Da gab es die berühmte Wohnmaschine (die nun auch in Richtung Wedding gezogen ist), kleine Lädchen, die aus allem etwas strickten, was nach Fertigung immer noch nach Müll aussah und das Tacheles.
1907 wurde das Gebäude als Friedrichstadtpassage erbaut und ein Jahr später von Wertheim übernommen. Danach wechselte das Gebäude mehrmals Funktion und Besitzer. Im Krieg mittelmäßig beschädigt wurde es teilweise im Jahr 1980 von der DDR Regierung abgetragen. 1990 sollte der Restabriss folgen, wurde dann aber im Februar des Jahres von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt. Von da ab ging es bunt und kreativ her im Tacheles.
Doch der Ausverkauf begann, das Viertel änderte sich, die kleinen Lädchen verschwanden und schlechte Systemgastronomie zog ein. Die Touristen kamen und suchten nach dem alten Berlin, Hostels öffneten, die anderen Galerien flüchteten. Nun hat die Straße jeglichen Reiz verloren, bis auf die schöne Synagoge und das Tacheles.
Umso mehr war ich geschockt, als es hieß, das Tacheles soll abgerissen werden, um ein Shoppingcenter zu eröffnen. Wie hab ich mich aufgeregt, als hätten wir nicht schon genug Shoppingcenter mit den ewig gleichen Geschäften wie Zara, H&M, Douglas und Thalia. Dies wurde nun abgewendet und es soll nicht abgerissen werden. Aber man weiß ja nie. Wenn in Berlin genug Geld fließt, darf alles abgerissen werden. Herr Mehdorn ließ ja auch das wunderschöne, erhalten gebliebene und denkmalgeschützte Portal des Lehrter Bahnhofs – jetzt Mehdorn-Gedenkstätte aka Hauptbahnhof – abreißen. Herr Wowereit äußerte sich bezüglich des Tacheles, dass das Land Berlin die Ruine nicht kaufen werde, aber der Erhalt mit Verträgen gesichert sei.
Trotzdem sollen die Künstler raus. Im April dieses Jahres wurde die Gastronomie Fraktion des Tacheles für eine Million Euro von einem unbekannten Bieter rausgekauft. Die restlichen Künstler sind geblieben, doch wurde Ihnen der Eingang zum Hof vermauert.
Was dann geschehen soll, weiß, glaube ich keiner so genau. Das ist wieder typisch Berlin. Erstmal alle raus und stänkern, aber keinen Plan haben, was dann kommen soll. Der Palast der Republik wurde auch erst abgerissen und dann hatte man keinen Plan wann und ob überhaupt das Stadtschloss wiederaufgebaut werden soll (wird es jetzt für 590 Mio. Euro!!!).
Weitere Informationen zum Verbleib des Tacheles findet ihr hier. Unter diesem Link könnt ihr das Kunsthaus auch unterstützen, in dem ihr den Banner ausdruckt, euch fotografieren lasst und die Bilder per E-Mail einsendet.Ein anderer sehr lesenswerte Artikel gibt es hier und ein sehr interessanter Blog zum Thema gibt es hier.
Bilder von meinem letzten Besuch folgen in einem der nächsten Einträge.


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