Jugend ohne Hofnung – Teil I

Manchmal sehne ich mich nach der Euphorie der 1990er. Der Dekade voller New Economy, dieses Allee-Ist-Möglich-Lebensgefühl, dass sogar politische Systeme fallen, der eiserne Vorhang fällt und die größte Bedrohung unserer Elterngeneration – der Kalte Krieg – über Nacht beendet ist. Freiheit, neue Möglichkeiten, Internet – garantierter Arbeitsplatz nach Studium, man war quasi in einem hoffnungsvollen Rausch. Zukunft wir kommen. VW reduzierte seine Wochenarbeitszeit auf die 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich und man sprach von der Freizeitgesellschaft und ich schrieb in der 9. Klasse Aufsätze über Pro und Contras dieses Lebensgefühl.
Angst und Krise werden zur Lanze der Wirtschaft
Und dann bin ich plötzlich doppelt so alt und alles ist anders. Doch wann das passiert ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Plötzlich liegt da diese schreckliche Lethargie über allem. So bleiern, so starr wie ein Stein. Es ist als sei der Satz, den meine Großmutter bei jedem Besuch gebetsmühlenartig wiederholte, wahr geworden: unser Generation hatte es schon schwer, aber eure wird es noch viel schwerer haben!
Es ist nicht meine Depression, die meinen Gedanken daran haften lässt, es ist die Beobachtung der Nachrichten, die Erzählungen meiner Freunde und das Selbsterlebte. Ich kann mich an das Gefühl kurz nach dem Abi erinnern. Dieser stolz etwas geschafft, einen Abschnitt im Leben abgeschlossen zu haben und der Glaube, dass einem nun alles offen steht. Studienplatz schon in der Tasche und mit Ausblick auf eine glorreiche Zukunft antworteten mir die Anderen aus meinem Jahrgang: erst mal irgendwas studieren oder vielleicht irgendwas mit Medien oder BWL studieren – machen doch alle. Dann ging es hinaus aus dem warmen Schoß der Familie und der Schulpflicht.
Manche nennen den 09/11 als Datum für den Wechsel zur Lethargie, der ersten Krise, die aus einer realen unwirklich wirkenden Bedrohung heraus resultierte, hautnah miterlebte. Die Welt stand still und hielt den Atem an. Und von nun an ging’s bergab.

Die versprochene Freiheit wird zurFußfessel des Turbokapitalismus
Nach dem Turbostudium – eines der ersten Masterstudiengänge – war ich erst mal Praktikant. Und nun fing es auch an zur Mode zu werden unserer Generation immer wieder neue Namen zu geben: Generation Golf, Generation Praktikant, Generation Umhängehandtasche, Generation der Verlorenen.

Weltuntergangs-Krisen-Terrorismusanschläge-Weltwirtschaftskonjunktur-UntergangdesAbendlandes-Begründungen wurden nun zur Begründung für Sparmaßnahmen in Firmen, die letztendlich nur den Mitarbeiter einspart und dem Geschäftsführer mehr Geld in die Tasche schaufelt. Ist deine Welt bedroht, hast du Angst: Angst vor einer Krise die den Arbeitsplatz kostet, Angst vor gesellschaftlicher Abstufung, Verlust des Sozialstatus, Angst davor alles zu verlieren, was man sich aufgebaut hat – und deshalb hält man aus und still und die Schnauze, wenn Kollegen entlassen werden und man nun deren Arbeit übernehmen muss, wenn man Praktikanten einarbeiten muss, die den eigenen Arbeitsplatz vielleicht wegrationalisieren. Denn Praktikanten gibt es en masse, das sind die, die nun darauf hoffen sich auch einmal das zu erschaffen, was ihre Eltern hatten und darum auf eine Festanstellung hoffen und immer noch vom Geld der Eltern leben, weil Praktika eben nicht mehr bezahlt werden. Will man was werden, muss man investieren!

Der einzige, der dabei gewinnt ist der Boss, der Geschäftsführer, der Vorstand. Denn bezahlt man keine Gehälter mehr und keine Sozialabgaben, so dient das zur Gewinnmaximierung die ihnen dann am Ende es Jahres ausgeschüttet wird. Der Mensch wird wieder zum Tier, wenn es darum geht zu zerfleischen, Geld zu scheffeln und seine Macht auszuspielen. Und Druck und Terror entsteht immer aus einem Gefälle zwischen Macht und Ohnmacht: wenn du nicht machst, was ich sage, dann…
Das brauchen die meisten gar nicht aussprechen.

Und so geht es weiter und weiter. Freiheit, die uns durch flexible Arbeitszeiten bzw. Freie Mitarbeit versprochen wird, weil wir ja keinen spießigen 9 to 5 Job wie unsere Eltern machen, weil wir etwas erschaffen wollen, ist eigentlich keine Freiheit, sondern die Fußfessel des Turbokapitalismus. Freie Mitarbeit, Freelancertum, etc, dient nicht dazu sich Arbeitszeiten flexibel zu gestalten, sie ist ehr die Gefangenheit zwischen Blackberry und Laptop, die Pflicht auch am Wochenende Emails abzurufen und ein 24/7 Sklave seiner Arbeit zu sein: man könnte einen Auftrag verpassen und wenn man den verpasst, dann wird der nächste Kollege gefragt und der bekommt von nun an die Aufträge. Das Argument: aber das alles würde doch bestimmt gut entlohnt werden ist dieser Tage nicht mehr gültig. Katja Kullmann berichtet das sehr eindringlich in Ihrem Buch Echtleben.

Die meisten IMMs (Irgendwas mit Medien-Arbeiter) stocken mit HartzIV auf. Und wer meinen Blog verfolgt hat, der weiß auch, wie es mir erging, dass ich ebenfalls jahrelang diese psychotische Fußfessel des alles für den Job, nichts für mich trug, der sogar darin gipfelte, dass ich monatelang ohne Bezahlung für eine schizophrene und korrupte Firma arbeitete aus Angst vor der Arbeitslosigkeit. Verrückt. Aber ich bin nicht die einzige.
Der Kapitalismus löst die Demokratie ab
Die Orientierungslosigkeit einer Generation auf dem Arbeitsmarkt, der von einem verlangt immer flexibel, ungebunden, kreativ, frisch, jung, fröhlich, frei und wie Thälmann-Pioniere Allzeit-Bereit zu sein, kollidiert mit den Realitätsentfernten Ideen einer Regierung deren einziger Versuch es ist die Arbeitslosenstatistik zu schönigen. 1-Euro-Jobs, Ich-AGs, Maßnahmen, Umschulungen – alles Sachen, die automatisch dann aus der Arbeitslosenstatistik rausfallen und diese minimieren, dabei aber vergessen wird, dass weiterhin diese vom Staat bezahlt werden. Das ist eine Fälschung der Statistik, denn die Ausgaben bleiben und es bleiben auch immer mehr Menschen übrig, die diese Kosten auffangen. Da stellt sich dem gesunden Menschenverstand die Frage: wann gehen wir pleite?
Der größte Fehler der Demokratie war es auf die Diktatur der Wirtschaft einzugehen und macht sich so erpressbar. Wenn ihr nicht diese und das, dann suchen wir uns einen anderen Standort. So sind wir nun erpressbar geworden und unterwerfen uns dem was nun geschieht und auch öffentlich gezeigt wird und niemand tut etwas. Mit kopfschütteln schauen wir zu, wie hunderte entlassen werden und Manager ihre Gehälter erhöhen oder Abfindungen in Millionen Höhe bezahlt werden, an Manager, die für Schicksale verantwortlich sind, die sie aus Machtsucht und Geldgier vorweislich zerstört haben. Alles für mich, nichts für die anderen. Im Volk hinterlässt das Unmut. Bei der Jugend hinterlässt das ein verbittertes Gefühl der Ungerechtigkeit.

So ist jedoch die Raffgier der Wirtschaftsbosse nicht das einzige, was die Welt sieht: da sind die USA die aus Fadenschiengen Gründen Länder überfallen und Foltern, da sind Polizisten die Demonstranten erschießen und schlagen und die keine Konsequenzen spüren, da werden Menschen wegen ihrer Meinung verhaftet. Es scheint nun offiziell das Credo zu gelten: Alle sind gleich, nur manche sind gleicher. Straftat sind nicht gleich Straftaten, es kommt darauf an, von wem sie begangen werden.
Unser geliebter und gelebter Kapitalismus – es ist doch das einzige System was bisher geklappt hat – wird zum alles enthebenden Turbokapitalismus, der sich dem Material Mensch bedient und dabei jegliche Ethik und Menschrecht überwindet, der Wirtschaft wegen. Der Kreislauf des Kapitalismus befindet sich nur noch im Zustand des hier und jetzt und wird, wenn er weiter so befolgt wird, zur menschlichen Bedrohung, in der Apokalypse enden. So brauchen wir eine Weltrevolution um nicht zurück bei den Anfängen der Industrialisierung zu enden.
Ich-hab-noch-mehr-zu-sagen-Grüße
Miez

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