Zwanzigzwanzig

Dieser Brief liegt mir schon lange auf dem Herzen, schwer und er schmerzt. Es zerreisst mich fast. Dieses Jahr ist so unglaublich katastrophal und es liegt – für mich – nicht an Corona. Oder vielleicht doch. Es sind die Mitmenschen die es schlimm machen. Und besonders die Männer.

Dachte ich noch am Ende letzten Jahres, ich solle mehr positiv denken, denn gute Dinge denken, dann kommen sie auch zu einem, so bin ich jetzt erfüllt mit unendlicher Lebensmüdigkeit.

So war am Anfang diesen Jahres eine absolute Katastrophe mit einem Mann, der es schaffte in fast 36 Stunden alles wieder zu zerstören, was ich mir erarbeitet habe. Es war Gewalt und Bedrohung im Spiel und ich will nicht weiter drüber reden. Das habe ich noch ganz gut überstanden.

Denn was mich noch mehr belastet und zerstört sind die Reaktionen meiner männlichen Freunde und Bekannte, die mich wirklich an der Welt zweifeln lässt. Ich bin jetzt fast 40 Jahre alt und werde seit 33 Jahren von Männern belästigt und als Objekt gesehen. Und ich frage mich, wann das endlich aufhört. Es scheint kein Gespräch  mehr möglich zu sein, weil kein wahrliches Interesse an mir, sondern nur an meinem Busen besteht. Es wird tatsächlich schlimmer je üppiger und älter ich werde.

Ich werde objektisiert, mit Lebensmitteln verglichen. Es wird vorgegeben ein Bild von mir machen zu wollen und es ist nur mein Busen draufzusehen. Ich bin nicht mehr als eine Wichsvorlage. Ich werde angetatscht mit der Begründung, ob man mich nicht wenigstens mal betrunken angrapschen darf.

Ob es die Auswirkungen des Lockdowns sind, kann ich nicht sagen. Es ist jedenfalls auffällig wie viele Verflossene sich melden und mit einer Flasche Wein vorbeikommen wollen. Ich will das nicht. Es hinterlässt mich zu tiefst verletzt, dass sich niemand für meine Persönlichkeit interessiert. Niemand.

Ich muss so viele Sprüche verdauen, nicht nur über mich. So sagte ein Bekannter zur Einladung zum 15. Geburtstag der Tochter einer Freundin, dass sie dann nächstes Jahr fällig sei. Auch wenn danach ein „war ein schlechter Scherz“ hinterher geschoben wurde, so ist das für mich zutiefst erschütternd und widerlich. Und zeigt, dass wir Frauen nur Objekte sind. Genauso, wenn einem Bilder von Frauen zu geschickt werden mit den Worten, dass man keinen Bock mehr auf Sex habe, wenn Frauen so aussehen. Wieder nur ein chauvinistisches Bespiel wie respektlos und hypersexualisiert Frauen werden. Immer verfügbar und dann weg werfen, zu mehr scheint Mann nicht mehr in der Lage zu sein.

Ich will in so einer Gesellschaft nicht leben.

„I would rather be ashes than dust! I would rather that my spark should burn out in a brilliant blaze than it should be stifled by dry-rot. I would rather be a superb meteor, every atom of me in magnificent glow, than a sleepy and permanent planet. The proper function of man is to live, not to exist. I shall not waste my days in trying to prolong them. I shall use my time.“ – Jack London

 

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Berlin ist die Einsamkeit

Du bist mir so fremd im Sonnenschein. Wenn deine Straßen überflutet sind mit all den Menschen, den Protagonisten, den Prokastinateuren, den Stylomaten und Möchte-gern-Berlin-Erfindern. Es bewegt sich eine homogene Armee auf deinen Strassen, gestylt in schwarz, bewaffnet mit Unattraktivität. Sie sind fröhlich, sie sind unterkühlt, sie sprechen englisch. Längst ist es normal, seinen Kaffee nicht auf deutsch zu bestellen. Touristen flippen aus an Hand der Internationality – meine Oma gehört nicht mehr hier her. Die Berliner Strassen, auf denen ich meine ersten Schritte als Kind machte, auf denen ich mit meinem ersten Fahrrad herumfuhr, liegen ganz tief unter den Sonnenstrahlen, dem dicken Staub und Fußgetrampel von tausend Touristen.  Nie fühle ich mich einsamer, als bei Sonnenschein auf Berlins Strassen. Fühle mich unsichtbar, will unsichtbar sein. Alle Menschen um mich rum, sind so weit weg. Ich kann sie nicht berühren, ich kann nicht mit ihnen reden.

„In deiner Stadt leben über drei Millionen
Und du bist heute Nacht unterwegs
Um zu schauen ob unter diesen drei Millionen
Jemand ist der dich versteht“*

Sie können mich trotzdem sehen, wenn sie wollen. Wundern sich vielleicht. Ich bin allein unter 3 Millionen.

„Liebe suchen
Jemand suchen
Alles abgesucht und niemand gesehen

Wach bleiben, bitte nicht schlafen
Jemand muss da sein
Der dich versteht“*

Das einsame Gefühl der Überbevölkerung legt sich erst, wenn sich die Sonne hinter schweren Wolken versteckt. Wenn die anderen depressiv werden und sich nach drinnen flüchten, wenn es apokalyptisch kübelweise regnet und sich die Straßen leeren. Wenn man nicht normal ist, weil man den Regen liebt und das Spazieren unter verhangenen Wolken und dicken Tropfen. Ganz allein und nur mit sich.

*Bosse/ 3 Millionen

Ein Traum

Manchmal lohnt es sich, den Blick nicht zu heben. Nicht nur, weil man nicht in die überallwährenden Hinterlassenschaften von Mensch und Hund tritt, sondern auch, weil man manchmal findet, was man sich schon immer erhofft. Ein leichter Geschmack von Rosamunde Pilcher haucht jetzt dieser Satz hinterher im Abgang, wenn ich sage: Ih habe ein Gedicht gefunden. Ein Liebesgedicht.

 

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Doch

Ich bin wieder da. War kurz weg. Weg aus der Insel Berlin. Ich hab Waldluft geatmet, Regen getrunken, dem Gras beim Wachsen zu gehört – und es war schön. Zurück in Berlin wird klar, dass die romantische Häßlichkeit, meine Geliebte, durch unattraktiven Brutalismus ersetzt wurde. Nicht über Nacht, sondern in den letzten Jahren. Meine Augen weinen bei immer mehr Hausklötzchen and Klötzchen, bei dem immer schlimmeren Kleiderkammerlook seiner Zugezogenen, die sich gegen Etikette der Gesellschaft auflehnen, in der sie nie gelebt haben. Warum nicht mal was schönes machen. Selber schön sein. Nicht alles so egal und laissez-faire dass es weh tut.

Ich seufze und ziehe mein Rollkoffer hinter mir her und hoffe, keiner hält mich für einen Tourist.